Das widerspenstige Fahrrad

Als meine Großmutter nicht mehr so gut zu Fuß war, legte sie sich für Einkäufe und kleineren Besorgungen ein Dreirad zu mit einem großen, offenen Korb hinter dem Sattel, in dem man ohne Umstände einiges verstauen konnte. Auf das Fahrrad ließ sich leicht aufsteigen und das Beste daran war, das man damit nicht umfallen konnte. Eine sehr sinnvolle Anschaffung also. Doch leider nur auf den ersten Blick, denn schon bei der ersten Probefahrt stellte meine Großmutter einen Mangel fest, der nicht zu übergehen war und das Gefährt für sie schlussendlich unbrauchbar machte.

Das Fahrrad hatte die Neigung, von sich aus ganz eigensinnig immer nach rechts zu lenken. Eigentlich war es kein großes Problem. Mein Vater und ich machten uns einen Spaß daraus, das Dreirad in Seitenlage zu bringen und nur auf zwei Rädern zu fahren. Aber einigen unserer Nachbarn ging es genauso wie meiner Großmutter, sie konnten sich das Dreirad einfach nicht gefügig machen und hätten immer nur im Kreis fahren können.

Mein bester Freund Herbert wollte eines Nachmittags das Rad ebenfalls ausprobieren. Er stieg also auf das Dreirad, dachte sich nicht viel dabei und fuhr los. Doch auch er konnte den widerspenstigen Drahtesel nicht bändigen. Ich glaube, er wusste im ersten Moment vor Schreck einfach nicht, was er machen sollte. Ein wilder Kampf entspann sich zwischen ihm und dem Fahrrad, in dem der Lenker einmal nach links und einmal nach rechts gerissen wurde. Herbert konnte mit dem hektischen Hin-und-her-Gelenke nicht verhindern, dass das Rad auf die steile Böschung neben dem Haus meiner Großmutter zusteuerte.

Den Bruchteil einer Sekunde später war von der bösartigen Einkaufsrikscha und meinem besten Freund nichts mehr zu sehen. Ich hörte nur noch einen langgezogenen Schrei und rannte schnell zur Böschung. Als ich nach unten blickte, sah ich das Fahrrad in der Hecke stecken, die den Hang begrenzte, und daneben den zum Glück heilen Herbert, der sich gerade von Erde, Gras und Heckennadeln befreite. Ich weiß nicht, ob meine Großmutter schon mitbekommen hatte, dass Herbert nichts passiert war, oder ob sie sich nichts dabei dachte, schließlich waren Sturzfahrten wie diese damals keine Seltenheit. Als sie hinzukam sagte sie jedenfalls mit unnachahmlicher Nüchternheit: Ist dem Fahrrad etwas passiert?

Für Herbert blieb das die erste und letzte Fahrt mit dem tollen Einkaufsrad. Mühsam schaffte er es den steilen Abhang wieder herauf und musste sich dabei noch mein lautstarkes Gelächter gefallen lassen.

Meine Großmutter unternahm noch einige Versuche, das unzähmbare Gefährt in die gewünschte Richtung zu lenken, aber ohne Erfolg. Sie ging dazu über, das Fahrrad zu schieben, was aber nicht besonders praktisch war und so gab sie den Umgang mit dem unnützen Transportmittel bald gänzlich auf. Später verkaufte sie es an einen Nachbarn, der für sein unbelehrbares Wesen das richtige Händchen hatte und dem es, wer weiß, vielleicht heute noch dienen mag.

© Nick_O