Die Höhle der Schwiegermutter

Auf Malta war Tony unser Tourguide. Er sammelte mit seinem Kleinbus Gäste in allen Hotels seines Heimatortes ein und zeigte ihnen bekannte Plätze der Insel. Eines Nachmittags brachte er uns gemeinsam mit einer sympathischen englischen Familie nach Gozo zum Red Beach. Unweit vom Strand ließ Tony uns auf einem felsigen Hügel aussteigen. Wir sollten das letzte Stück zu Fuß gehen und uns auf dem Weg eine Höhle in der Nähe ansehen. Die Engländer fuhren mit Tony direkt zum Strand, wo wir uns später treffen wollten.

In brennender Hitze stapften wir die leicht abschüssige, schmale Straße bis zu der Höhle, an der schon einige andere Touristen auf den Einheimischen warteten, der sie uns zeigen sollte.

Auf dem Weg gingen wir unter einer Telefonleitung durch, die unter der prallenden Sonne ein mysteriöses Surren von sich gab. Vielleicht waren es auch nur die Grillen, die unweit der Höhle ihr Lied sangen. Diese Leitung führt überall hin, dachte ich, in die größte Stadt, in den letzten Winkel der Welt, du brauchst nur den Hörer abzuheben und kannst jeden erreichen. Wir erreichten die Höhle und mussten nicht mehr lange auf den maltesischen Höhlenkundigen warten.

Kurz nach dem Eingang hielt er uns an, um uns auf ein Phänomen vorzubereiten, das wir gleich hinter der Felswand würden bestaunen können. Er erkundigte sich kurz nach der Herkunft aller Gäste.

»Böse Schwiegermutter«, sagte er dann in sechs oder sieben verschiedenen Sprachen.

Drei Schritte später sahen wir in einer Wand eine von der Natur geformte, gebückte Steinfigur, die uns abfällige Blicke zuzuwerfen schien. Eine Art Hexe, die ihr hämisches Lachen in Stein gemeißelt hatte. Lautes Gelächter schallte durch die Höhle. Wir kamen aus den unterschiedlichsten Ecken der Welt, aber jeder reagierte genau gleich. Die böse Schwiegermutter wirkte auf fast mythische Weise verbindend.

Unser schmächtiger Höhlenführer wartete sichtlich zufrieden die Reaktion ab, die er schon unzählige Male gesehen und gehört haben musste.

Beim Betrachten der restlichen Höhle konnte man auf den Gedanken kommen, dass die steinerne Schwiegermutter doch nicht so natürlich war, denn außer ihr gab es eigentlich nichts mehr zu bestaunen.

Tony und unsere englischen Freunde amüsierten sich ebenfalls köstlich über die auf ewig auf ihren Platz verbannte Schwiegermutter mit den steinernen Zügen.

Am Red Beach war es etwas windig, aber trotzdem sehr schön. Wir verbrachten einen hinreißenden Tag am Strand mit Wind, Wellen und einem kühlen Getränk im Schatten. Entspannt und bestens gelaunt saßen wir beisammen, als würden wir uns ewig kennen. Beinahe wirkten wir wie die Mitglieder einer großen Familie. Dabei kannten wir uns noch nicht einmal einen ganzen Tag. Aber an manchen Tagen ist man fremd und doch vertraut, man vermisst nichts und will an keinen anderen Ort. An manchen Tagen trifft sich die halbe Welt in einer unscheinbaren Höhle, um eine steinerne Schwiegermutter zu bestaunen.

© Nick_O