Ich singe den Blues

Ich traf ihn in einer jener seltenen Nächte, in denen ich alleine durch die Stadt strich. Das Lokal, in dem ich damals häufig verkehrte, war das Smaragd in der Linzer Innenstadt. Außen über der Eingangstür trug es symbolisch seinen Namen, einen rot-grünen Smaragd. Ich mochte die Einrichtung der beiden Bars, der vorderen und der hinteren, die Farbe an den Wänden und die Ausrichtung der Gäste, die wohl als links zu bezeichnen war.

An diesem Abend galt meine ganze Aufmerksamkeit der Kellnerin an der hinteren Bar. Sie war Philosophiestudentin und verdiente sich mit dem Kellnern nebenbei ein wenig Geld. Sie servierte mir die Drinks und wir wechselten ein paar Worte. Als ich gerade die anwesenden Lokalgäste musterte, gesellte sich der Mann im grauen Rollkragenpulli an meine Seite, der sich mir kurz darauf als Johannes vorstellte. Wir scherzten beide mit der Kellnerin und sie teilte uns zum Eiszerkleinern ein, mit einer Maschine, die einem großen Bleistiftspitzer ähnelte. Es sei auf die Dauer etwas anstrengend, damit die kleinen Eisstückchen für die Drinks herzustellen. Tatsächlich ließ sich die Kurbel nicht gerade flüssig drehen. An der gegenüberliegenden Seite der Bar spielte eine junge Band und so kamen der graue Rollkragen namens Johannes und ich bald auf Musik zu sprechen. Dass ich Gitarre spiele, erzählte ich ihm und Songs schreibe. Und was passiert mit diesen Songs, fragte er. Die meisten bleiben ungehört. Ungehört, aha. Ich habe früher auch Gitarre gespielt. Ich hatte sogar einmal einen Auftritt im Radio. Ich kam ganz schön ins Schwitzen dabei, aber ich hab durchgehalten. Jetzt spiele ich noch ab und zu. Ich spiele Gitarre und ich singe den Blues. So sagte er es: Ich singe den Blues. Und so prägte er sich mir ein, der Satz und der, der ihn gesagt hatte.

Irgendwann während unseres Gesprächs ging eine junge Frau an uns vorüber, die Johannes leise grüßte. Irgendein Geheimnis schien in diesem Gruß zu liegen. Ein Geheimnis zwischen den beiden oder eines, das nur Johannes betraf. Manche sagen, ich bin der Teufel, meinte dieser plötzlich, und manche sagen, ich bin ein Engel. Er erzählte mir von einer Schlägerei in einem Lokal, an der er beteiligt gewesen war. Nach und nach entstand der Eindruck, dass Johannes sich seit geraumer Zeit in einem eher dunklen Teil seines Daseins bewegte. Ich war nur für eine Nacht hier gestrandet und suchte nach irgendetwas, er war es womöglich für immer. Als ich mich kurz vor der Sperrstunde von ihm verabschiedete, zog er mit einem Handgriff, der wirkte, als sei er lange geplant, ein kleines Johannesevangelium aus der Tasche, in das er, mit dem Stift der hübschen Philosophiestudentin, seine Telefonnummer schrieb. Ich solle mich melden. Was ich nie tat. Bitte. Ich steckte das Evangelium ein und verabschiedete mich von der Kellnerin, deren Namen ich noch nicht kannte, mit einem vertrauten Lächeln, das sie erwiderte. Sie wusste, wir würden wiederkommen. Ich und der, der den Blues singt.

© Nick_O