Jeder sucht Vanessa

Es war ein Jahr der Vergnügungen, eine Zeit, in der wir uns am Ende der Jugend noch einmal im bereits etwas matt gewordenen Schein der Unbeschwertheit sonnen durften.

Gerade aus dem Studentenheim ausgezogen, brachten wir unseren Lebensunterhalt mit Gelegenheitsanstellungen auf, Pete etwas außerhalb und ich im Zentrum von Linz.

Die Unbeschwertheit, das war zu dieser Zeit der Nachhauseweg in den frühen Morgenstunden von einem Wicki-Slime-and-Paiper-Clubbing oder das leichtgängige Gespräch mit einem schön geschmückten Mädchen spätabends auf einem der vielen Bälle, die wir während des Winters besuchten. Wie alle suchten wir unser Glück, unser festes Gefüge.

Auf einem dieser Bälle lernten wir Tom kennen, einen jungen Mann, der die ganze Nacht hindurch eine schwarze Sonnenbrille trug.

Wir unterhielten uns gerade an der Bar über den österreichischen Film. Was ich vom ihm halte, fragte Pete. Dass er ziemlich gut sei, antwortete ich, er habe eine unvergleichliche Note, vor allem bei den Komödien. Da mischte sich der mit der Sonnenbrille unversehens in unsere Unterhaltung. Nicht nur bei den Komödien, sagte er. Er schien nur darauf gewartet zu haben, sich an einem Gespräch zu beteiligen. Eine Weile verhandelten wir das Thema Film. Tom sprach einerseits ganz offen, wirkte andererseits aber, als hätte er hinter seiner schwarzen Brille etwas zu verbergen. Kennt ihr eine Vanessa, fragte er plötzlich völlig übergangslos. Sie muss hier irgendwo sein. Als wir verneinten, legte Tom seinen Kopf in den Nacken und rief den Namen der Gesuchten laut und langgezogen durch den Raum. Ob wir ihm suchen helfen.

Tom führte uns durch den mit Ballgästen dicht bevölkerten Gang. Immer wieder rief er über Köpfe der Leute hinweg den Namen seiner verschollenen Freundin. Manche lachten, manche blickten ihn verstört an. Die, an denen er sich gerade vorbeidrängte, fragte er nach der mysteriösen Vanessa. In kürzester Zeit sprach es sich vom Ballsaal bis zum Kuchenbuffet am Ende des Ganges durch, dass eine Vanessa gesucht wurde. Ein Mädchen in einem hellblauen Kleid kannte tatsächlich eine Vanessa und meinte, dass diese sich hinten in der Disco aufhalte.

Wir standen in dem dunklen Raum, die grellen Blitze, in denen wir selbst von Zeit zu Zeit aufblitzten, lieferten uns Momentaufnahmen, der in der Musik aufgehenden, tanzenden jungen Ballgäste.

Es gibt keine Vanessa, sagte ich.

Aber jeder sucht nach ihr, entgegnete Pete.

Tom stand in einer Ecke und starrte in den Raum. Man konnte es in der Dunkelheit nicht gut erkennen, aber sein Gesichtsausdruck war ernster als noch einen Augenblick zuvor. Abseits der Tanzfläche wirkte er wie eine Schaufensterpuppe, die die Organisatoren des Maturaballs dort zur Dekoration aufgestellt hatten. Hier ist sie nicht, sagte er schließlich. Noch einmal folgten wir ihm auf den Gang hinaus, um die Suche fortzusetzen, doch kurz darauf war Tom, wie zuvor seine Vanessa, in der Menge verschwunden.

© Nick_O