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Kristinas Arbeit

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Kristinas Arbeit | story.one

Als Kristina am Ende ihres Studiums eine Abschlussarbeit abgeben musste, legte sie mir diese zur Korrektur vor. Vor kurzem war ich in meine eigene Wohnung gezogen. Davor hatten wir einige Jahre im selben Studentenheim verbracht. Eigentlich war es kein Studentenheim, sondern ein ungenützter Trakt des Priesterseminars in Linz.

Unsere zusammengewürfelte Truppe war ein Glücksfall, denn trotz der unterschiedlichen Richtungen, in die wir strebten, formte sich über viele Jahre hinweg ein gemeinsames Ganzes, eine kleine Familie, in der wir uns aufgehoben fühlten und die viel miteinander erlebte  jung, frei und voller Gefühl. Kristina war nach Linz gekommen, um an der Kunstuniversität Keramik zu studieren. Mit ihrem Freund bewohnte sie ein Jahr lang ein kleines Zimmer, was gemeinsam mit ihrem Temperament zu natürlichen Konflikten führte. Über Monate hinweg knallte täglich die Zimmertür, bis sie irgendwann aus den Angeln fiel. Einmal warf sie Gü, der gerade das Gebäude verließ, aus dem dritten Stock ein Stück Kuchen hinterher, das sie ihm einen Augenblick zuvor noch zur Wiedergutmachung serviert hatte.

Ihr Dickkopf und ihre Verve kamen ihr im Studium zugute. Die Sprache hatte sie schnell gelernt, wir führten gute Gespräche und hatten neben den üblichen kleineren Reibereien eine Menge Spaß miteinander.

Sie habe die Arbeit unter dem Einfluss von etwas Haschisch geschrieben, sagte sie mir, das Schreiben sei ihr wirklich leicht gefallen, der Text habe sich im Grunde von selbst geschrieben.

Sie wirkte sehr zufrieden und war sich offenbar nicht darüber im Klaren, was für ein Schriftstück sie mir da überreichte. Hätte sie es vorher noch einmal gelesen, so hätte sie mir das Manuskript sicher nicht ausgehändigt. So nehme ich es jedenfalls zu ihren Gunsten an.

Der Text war kaum lesbar, die Grammatik so kryptisch, dass ich das Gefühl hatte, es mit einer Sprache aus einer fremden Galaxie zu tun zu haben. Wahrscheinlich hätte der Inhalt sich mir nur erschlossen, wenn ich beim Lesen selbst unter Drogeneinfluss gestanden hätte. Aber davon war dringend abzuraten. Ich musste Kristina den Text, oder was immer es auch war, unverrichteter Dinge wieder zurückgeben. Hätte ich begonnen, ihn zu korrigieren, hätte ich selbst einen neuen Text daraus machen müssen. Kristina war natürlich einigermaßen enttäuscht, sie musste mit der Arbeit von vorne beginnen.

Nur wenig später sollte ich die Arbeit eines Freundes korrigieren, der es auch ganz ohne Drogenkonsum geschafft hatte, einen Text fern aller grammatikalischen Gebräuchlichkeiten zu erstellen.

Kristina machte mit einer gelungeneren Version ihrer Arbeit bald ihren ebenso gelungenen Abschluss an der Kunstuniversität. Heute hält sie als Professorin in Zagreb selbst Vorlesungen an der Kunstakademie im Fach Keramik.

© Nick_O 24.08.2019

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