Liebesstill

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Liebesstill | story.one

Heute führt mein bester Freund ein recht zufriedenes, glückliches Leben auf dem Lande, ist verheiratet und hat ein Kind. Damals aber, an jenem Nachmittag am Anfang eines Sommers, in dem unsere jugendlichen Wege sich noch in einer gewissen Leichtigkeit vor uns auftaten und nach vielen Seiten hin offen waren, lagen diese konkreten, für alle klar sichtbaren Dinge noch in weiter Ferne.

Eine träge Hitze lag über der Stadt, die bereits etwas von der Ausgeräumtheit an sich hatte, die sich jedes Jahr im Juli und August einstellte, wenn alle sich in den Urlaub verabschiedet hatten. Kaum jemand war auf den Straßen. Alle waren am See oder im Freibad oder genossen die stille Wärme auf ihren Balkonen. Nur Pete und ich waren unterwegs zur Adresse eines Mädchens, in das Pete sich vor kurzem auf den ersten Blick oder das erste Wort verliebt hatte. Auf einer Geschichtslehrfahrt waren sie sich etwas nähergekommen und Pete hatte nach der Fahrt beim Professor, der die Fahrt organisiert hatte, die Adresse des Mädchens erfragt. Eine Telefonnummer war nicht verfügbar.

Wir verließen eine der breiten Verkehrsadern, die direkt mit dem Zentrum verbunden waren, und gelangten in ein ruhiges, nicht sehr ansehnliches Viertel in der Nähe des Bahnhofs. Mit dem Passieren eines Durchgangs zu einem großen Innenhof ließen wir auch dieses hinter uns.

»Ist sie das perfekte Mädchen?«, fragte ich Pete.

»Wir hatten eine perfekte Unterhaltung«, antwortete er ohne Zögern. »Ich fühlte mich wohl in ihrer Nähe. Ihr ging es nicht anders.«

»Das nimmst du an.«

»Was soll ich denn sonst annehmen?«

Wir nahmen die paar Stufen bis zur Wohnungstür mit der Adresse, die auf Petes Zettel stand. Er drückte nervös und voller Erwartung die Klingel. Ich war fast ebenso aufgeregt wie er und gespannt auf das Aussehen des Mädchens und ihr Wesen. Doch die Tür ging nicht auf. Niemand meldete sich über die Gegensprechanlage, niemand schaute aus dem Fenster.

Wir stiegen die Treppe wieder nach unten und setzten uns an einer Hausmauer in den Schatten.

»Du kannst ein anderes Mal wiederkommen.«

»Ein anderes Mal«, sagte Pete nur. Seine Worte schienen eine Ewigkeit in der stillen Luft zu hängen, bevor sie etwas mutlos verklangen.

Ich glaube, in diesem Augenblick sahen wir das Leben, das im Cinemascope-Format auf uns zukam. Pete war nicht nur verliebt in das Mädchen. Er war auch verliebt in die Zukunft, die er sich mit diesem Mädchen ausmalte.

Jetzt wurde es noch stiller um uns, als es ohnehin schon war. Sommerstill, hitzestill, liebesstill.

Pete versuchte noch, das Mädchen zu finden, ohne Erfolg. Es gibt kein perfektes Mädchen, keine perfekten Menschen. Aber es gibt perfekte Tage, die wir mit ihnen verleben können. Es ist gut möglich, dass Pete mit dem Mädchen, das er nicht fand, viele solche Tage hätte verbringen können.

Ob er sich an diesen Nachmittag ebenso erinnert wie ich, mit einem intensiven Gefühl, das manchmal dazu dient, einer lahm gewordenen Hoffnung wieder etwas Leben einzuhauchen?

© Nick_O 11.06.2019