Papierwesen

Mein Vater kam nur am Wochenende nachhause, da er im Ausland arbeitete. Wenn er da war, machten wir oft einen Ausflug oder eine kleine Wanderung in der Gegend. An den Sonntagen spielten wir manchmal zu dritt ein Gesellschaftsspiel, meine jüngere Schwester, mein Vater und ich. Wir holten die Spielebox und veranstalteten ein kleines Dame- oder Mühleturnier oder verbrachten ein, zwei Stunden mit einer Würfelrunde. Es waren unterhaltsame, schöne Stunden

Doch das schönste Spiel, das wir an einem langen Sonntagnachmittag gemeinsam spielten, war eines, das wir uns selbst ausgedacht hatten. Es war eigentlich kein Spiel, sondern eher eine Fantasieübung. Ich weiß nicht mehr, wer darauf gekommen war. Wahrscheinlich war es Zufall. Auf dem Tisch lagen etwas Papier und ein Kugelschreiber und wir begannen zu zeichnen. Jeder ließ reihum den Schreiber über das Papier gleiten und formte eine geschlossene, sich überkreuzende Linie. Die Flächen, die sich darin ergaben, schraffierten wir oder malten sie aus. An irgendeiner Stelle fügten wir ein Auge ein und definierten so die Form der Figur mit einem angedeuteten Gesicht und den Proportionen des Körpers, die sich daraus ergaben. Je nachdem, welches Wesen wir nun darin sahen, fügten wir noch Beine, Flossen oder Flügel hinzu, vielleicht auch Haare oder einzelne Federn. Vielleicht fanden wir in dem einen oder anderen Ähnlichkeiten zu tatsächlich existierenden Lebewesen, einem Seepferdchen zum Beispiel oder einem Kolibri. Aber dies war nicht der Weg, den wir beschritten, auf diese Vergleiche ließen wir uns nicht ein. Wir schufen etwas völlig Neues, originales, dass es noch nirgends gab und das noch niemand gesehen hatte. Es war wahrer als alles um uns herum, denn wir schufen diese Wahrheit mit dem ersten Strich auf dem Papier. Vielleicht sind wir selbst einst so entstanden. Aus dem schnellen Schwung eines kindlichen Meisters, der sich über seine eigene Schöpfung wundert.

Die Blätter füllten sich, immer mehr Wesen tauchten auf aus dem Papier. Sie begannen zum Leben zu erwachen und miteinander Kontakt aufzunehmen. Unsere Striche und Worte waren nur ihre Geburt. Wir ließen sie ohne Namen zurück und wendeten uns einem neuen Spiel zu.

Von Zeit zu Zeit besuchen mich diese Wesen und schweben in Träumen um mich. An langen stillen Tagen, die so sind wie damals, so unbeeinflusst und neu. Sie bitten um etwas Farbe oder die Nachzeichnung ihrer Konturen. Sie zaubern ein Lächeln auf meine Lippen, weil sie selbst ein Zauber sind, der Zauber eines vergangenen Gartens, von dem ich zu erzählen weiß. Den ich verlassen habe und der doch immer in mir bleibt und alles ist, was ich bin.

© Nick_O