Regenschirme für Rudi

Da unser Studentenheim kein Studentenheim war, sondern ein zur Vermietung freigegebener Trakt des Priesterseminars, wohnten dort die unterschiedlichsten Leute. Unter anderem ein fünfzigjähriger Altenpfleger, mit dem wir uns sehr gut vertrugen, nicht zuletzt, weil er sich gerne auf ein Glas Bier oder Wein zu uns gesellte. Manchmal spendierte er uns auch etwas von seinem Zwetschgenschnaps oder ging am Abend mit uns weg.

Da Rudi die Alimente für seinen Sohn aufbringen musste, lebte er in einem einfachen Zimmer und sparte auch sonst, wo er konnte. Ständig hielt er Ausschau nach Sonderangeboten und machte bei irgendwelchen Preisausschreiben mit. Einmal aß er eine Woche lang nichts als Karottensuppe, weil die Karotten im Angebot waren. Wir kamen gratis auf ein Bon-Jovi-Konzert, weil er die Eintrittskarten gewonnen aber selbst keine Verwendung dafür hatte. Seine Sachen im Kühlschrank brauchten keine Beschriftung, es waren die mit dem Fünfzig-Prozent-Aufkleber.

Die beste Geschichte aber, die Rudi uns zu Teil werden ließ, war jene mit den Regenschirmen.

»Wenn ich einen neuen Regenschirm brauche«, meinte Rudi, »dann gehe ich einfach zur Fundstelle der Linzer Straßenbahnen und sage, ich hätte meinen Schirm in der Straßenbahnliegen lassen.«

Im ersten Moment hielten wir seine Geschichte, die er uns so frisch und frei erzählte für einen Scherz, aber das war es keineswegs.

»Was machst du denn, wenn du Schirm beschreiben musst?«, wendeten wir spontan und etwas unbedarft ein.

»Meistens sage ich gleich am Anfang, dass meine Frau den Schirm hat liegen lassen. ›Es muss so ein grauer gewesen sein‹, sage ich, oder ich nehme einen schwarzen, davon gibt es am meisten. Wenn der Mitarbeiter fragt, ob es ein Knirps war, dann war es ein Knirps und wenn er mir schließlich einen Schirm zeigt: Ja, genau der ist es.«

Wir waren baff, das war ja ziemlich ausgefuchst, irgendwie genial, aber auch ganz schön dreist und hinterhältig. Natürlich machte die Geschichte im ganzen Studentenheim die Runde und wir zogen Rudi damit auf.

»Hast du schon einmal einen Schirm, den du dir von der Fundstelle geholt hattest, in der Straßenbahn liegen lassen und dir dann wiedergeholt?«

Kurz bevor Rudi das Studentenheim verließ, um zu seiner neuen Partnerin zu ziehen, schrieben Gü und ich ein paar Songs für ihn. Gü zeichnete für die Texte verantwortlich, gemeinsam komponierten wir die Musik. Einen der Songs hinterließen wir Rudi auf seinem Anrufbeantworter. Er besorgte uns alles um fünfzig Prozent, im Falle des Falles sogar auch geschenkt, sangen wir ausgelassen die Überleitung zum Refrain in den Telefonhörer in der Gemeinschaftsküche.

Die anderen präsentierten wir vor versammelter Mannschaft bei einem kleinen Konzert zu Rudis Ehren. Der Song über die Regenschirmgeschichte dürfte ihm in Anwesenheit seiner Freundin etwas peinlich gewesen sein. Wahrscheinlich kauft sie heute Rudis Regenschirme, anstatt sie für ihn in der Straßenbahn liegen zu lassen.

© Nick_O