Rezeption Liebe

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Rezeption Liebe | story.one

Sie arbeitete an der Rezeption eines Hotels in Paris, das zu einer großen französischen Kette gehörte. Die grandiose Idee, mit der sie ihren Verdienst aufbessern wollte, kam ihr noch bevor sie den ersten Zimmerschlüssel ausgegeben hatte. Jeden Abend nach Dienstschluss blieb sie für erweiterte Serviceleistungen verfügbar. Es war die perfekte Kombination. Während der Dienstzeit war sie die Dame an der Rezeption, in ihrer Freizeit war sie das Mädchen, mit dem man sich für etwas Taschengeld auf dem Zimmer vergnügen konnte. Die Männer oder auch Frauen, die zu ihr kamen, wohnten entweder schon im Hotel oder besuchten sie für ein, zwei Stunden. Ein freies Zimmer, das man für diese Zwecke verwenden konnte, gab es so gut wie immer.

»Wie lange betreibst du das jetzt schon?«, fragte ich Michelle, als wir vor dem Hotel standen und eine rauchten.

»An der Rezeption arbeite ich jetzt seit zwei Monaten, aber Begleitdame bin ich schon länger.«

Selbstverständlich sprach es sich herum, dass Michelle Gäste nicht nur in der Funktion einer Hotelangestellten, sondern auch als Liebesdienerin empfing. Außerdem hatte sie sich auf einer Internetplattform als Escortdame eingetragen. Am unkompliziertesten war es, mit der Zimmerreservierung die Dame Michelle gleich mitzubuchen.

»Du bist Begleitdame? Was genau heißt das?«

»Wenn du möchtest, kann ich es dir heute Abend noch zeigen. Du bist doch alleine in Paris, stimmts?«

»Ja, ich meine, ich werde darüber nachdenken.«

»In ein paar Tagen gehe ich nach Lyon. Ich muss mich alle paar Monate versetzen lassen, damit meine Nebenbeschäftigung nicht zu sehr auffällt.«

»Du ziehst also von Hotel zu Hotel, bleibst aber bei derselben Kette angestellt?«

»Ich schreibe einfach einen Brief an den Direktor mit der Bitte um Versetzung aus persönlichen Gründen.«

»Ganz schön clever.«

»Es funktioniert perfekt und die haben Hotels im ganzen Land.«

»Machst du diesen Job ganz allein, ich meine diesen Begleitjob?«

»Ich habe immer eine Pistole in meiner Handtasche.«

»Im Ernst?«

»Der Job ist gefährlich, besonders in Paris.«

Michelle war gewieft, ziemlich offenherzig, mutig, und hübsch war sie dazu.

Wäre der Hotelverwaltung ihr doppeltes Spiel aufgefallen, hätte sie natürlich sofort ihre Anstellung verloren. Aber sie schien alles unter Kontrolle zu haben.

Ein knappes Jahr später traf ich sie durch einen Zufall wieder, in einer anderen Stadt. In Österreich. Inzwischen trug sie keine Waffe mehr in ihrer Handtasche und sie arbeitete auch nicht mehr in einem Hotel. Sie war immer noch die etwas vorwitzige, gesprächige Person und wir führten eine sehr angenehme Plauderei. Ob ich dieses Mal auf ihr Angebot eingehen würde, fragte sie am Ende, sie sei jetzt nur noch mit ihrem Körper, ihrem Mundwerk und ihren Liebeskünsten bewaffnet, das solle ich mir nicht entgehen lassen.

Ihr Vorschlag klang noch verlockender als beim ersten Mal, für meine Antwort brauchte ich einen Moment.

© Nick_O 14.08.2019