Schau mal, was ich kann

Ich war gerade in meine neue Wohnung gezogen und unterhielt mich unten am Eingang mit einer Nachbarin. Das Herbstlicht lag auf dem Parkplatz und verbreitete die Ruhe eines späten Nachmittags, spät im Jahr, spät am Tag, der am frühen Morgen und am späten Abend bereits von Nebeln durchzogen war. Die Hitze des Sommers war schon vergessen, doch das Laub stand noch dicht und voll auf den Bäumen.

Wir sprachen von einer Ankunft, von einem Beginn, von einem Wandel. So viel ich mitbekam, lebte sie mit ihrer Tochter in einer Wohnung nebenan, eine Hausnummer weiter, ohne den Vater. Wir trafen uns nur, weil die Gebäude sich den Parkplatz teilten. Ihre Tochter, fünf oder sechs Jahre alt, stand neben uns und machte Turnübungen. Stand auf einem Bein oder drehte sich um die eigene Achse. In einer Bewegung, die das Kind jeden Augenblick spürte, der es sich hingab, um in ihr sich selbst und das Leben jeden Tag, jede Stunde zu entdecken.

Dass sie schon eine Weile hier wohne, sagte die Nachbarin. Ihr kurzes, rotes Haar wirkte friedlich und müde im Schatten der Einfahrt. Sie selbst schien friedlich, aber nicht unbedingt glücklich.

»Es ist doch ganz praktisch, dass wir hier im Hof parken können und uns nicht jeden Tag auf die Suche nach einem Parkplatz machen müssen.«

»Ja, noch praktischer ist es, dass ich zu Fuß zur Arbeit gehen kann und das Auto während des Tages gar nicht brauche.«

»Sie arbeiten also in der Nähe. Und sie sind alleine hier eingezogen?«

»Es ist meine erste eigene Wohnung.«

»Die Schule meiner Tochter liegt gleich in der nächsten Straße. Es sind nur ein paar Schritte. Das war ein Grund, warum wir hierher gezogen sind. Und weil es relativ ruhig ist. Und wegen der Parkplätze eben.«

Ihre Tochter war immer noch mit ihren kleinen akrobatischen Kunststücken beschäftigt. Unser Gespräch kümmerte sie nicht, es stammte aus der Welt der Erwachsenen. Was wir besprachen, hatte nichts mit ihrer Welt zu tun. Sie stellte sich auf ein Bein, streckte das andere nach hinten und breitete dabei die Arme aus.

»Schau mal was ich kann«, sagte sie jetzt, den Blick weiter geradeaus auf den Parkplatz gerichtet.

Wir beobachteten ihre Pose, die sich mir einprägte, genauso wie der Satz des Mädchens, aus dem ich später eine Geschichte machte, die noch viel später verlegt wurde. Ihre Mutter sagte irgendetwas Bestärkendes und sie löste ihre Figur auf, um in neue zu wechseln. Ob sie noch kurz auf dem Parkplatz spielen dürfe, fragte sie.

»Ja«, sagte ihre Mutter.

Es lag so viel in diesem Tag, ihre Geschichte, meine Geschichte, die Geschichte des Mädchens. Wir alle standen am Startpunkt eines neuen Abschnitts. Aus der Ferne der Zeit wirkt die Begegnung manchmal unwirklich und ich frage mich, wie sie damals war. Sicher war sie anders, als ich sie mir heute erzähle, und doch muss sie genauso gewesen sein.

Das Leben bleibt unvollständig, wir schreiben es weiter, wir schreiben es fort. Nichts bleibt, wie es ist. Man verneigt sich vor den Tagen und die Tage neigen sich.

© Nick_O