Taubenplage

Nun sind Tauben, sofern man sie nicht für Spionagezwecke oder zur romantischen Übermittlung von Liebesbriefen (als Alternative zur Kurznachricht) verwendet, nicht gerade die beliebtesten Tiere. Lieben tut sie nur der Taubenzüchter.

In der Großstadt sind sie eine Plage, von der Statuen und Denkmäler ein Lied zu singen wissen.

Auch bei mir machten sich vor kurzem zwei dieser Plagegeister unbeliebt, indem sie meinen Balkon bevölkerten. Bei ihrem ersten Besuch war ich ihnen noch wohlgesonnen. »Vielleicht sind es meine wiedergeborenen Großmütter«, dachte ich bei mir, »die mir einen Besuch abstatten.«

Aber auch die beliebtesten Gäste können einem unangenehm werden, wenn sie zu oft erscheinen.

Was die beiden Tauben betraf, so fühlten sie sich schon nach geraumer Zeit wie zuhause. Sie bauten Nester, legten Eier und verrichteten, wo sie gerade waren, ihr Geschäft, ohne daran zu denken, dass unter ihnen vielleicht jemand daran Anstoß nehmen könnte, dass sie ihm auf den Kopf kackten.

Ich musste sie loswerden, aber wie? Erst versuchte ich es mit Worten. In hohen, ja geradezu schrillen Tönen sprach ich vom Heiligtum meiner Privatheit zu ihnen. Ihre ständige Anwesenheit hatte mich in der Annahme bestätigt, dass diese flatternden Biodrohnen tatsächlich Spione waren. Was sonst wollten sie von mir? Mich mit ihren Krankheitserregern ausschalten? Nein, wenn hier jemand bald weg vom Fenster sein würde, dann sie und nicht ich.

»Ihr gurrenden Bakterienschleudern«, rief ich zu ihnen, »verzieht euch von meinem Balkon, oder ich sehe mich gezwungen, zu extremen Mitteln zu greifen.« (Welche das sein sollten, wusste ich natürlich selbst noch nicht.)

Leider schienen sie einer sachlichen Auseinandersetzung mit vernünftigen Argumenten nicht sehr zugänglich. Ich musste sie mit handfesteren Mitteln dazu bringen, von mir abzulassen.

Nachdem sie schließlich durch den gezielten Einsatz verschiedener Abwehrmaßnahmen tatsächlich hatte vertreiben können, traf ich sie noch einmal auf dem Domplatz an der Herrenstraße. Die unerwartete Begegnung versetzte mich in Aufregung.

»Ich weiß genau, dass ihr es seid«, sagte ich. »Ihr braucht gar nicht so nichts ahnend herumzupicken. Ich weiß, ihr seid Spione.«

Ein Gast, der nebenan auf der Terrasse des Restaurants ›Domviertel‹ gerade sein Abendessen einnahm, sah mich an, als wäre ich ein Verrückter, der mit Tauben sprach. Aber was ist denn verrückter, mit der Stadtplage ein ernstes Wörtchen zu reden oder sie mit seinen Essensresten auch noch durchzufüttern?

»Ich will euch nie mehr sehen«, rief ich, und meinte damit auch den Gast des Domviertels, den ich gar nicht kannte. Das war ein frommer Wunsch, den ich da aussprach, so groß war unsere Stadt schließlich nicht. Doch wo sonst hätte ich ihn aussprechen sollen, wenn nicht vor dem heiligen Dom, den ich täglich auf meinem Heimweg passierte.

© Nick_O