Vedado

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Als ich am ersten Tag mein Hotel in Vedado, Havanna verlassen hatte, um ins alte Stadtzentrum zu gelangen, knüpfte an der erstbesten Kreuzung ein kubanisches Paar ein lockeres Gespräch mit mir an. Anfangs dachte ich, es handle sich um freundlichen, absichtslosen Smalltalk. Aber anstatt mir bald einen guten Tag zu wünschen und sich zu verabschieden, blieben die beiden dicht an meiner Seite und ein paar Straßen weiter genoss ich ihre Gesellschaft immer noch.

Vor einer Schule fotografierte ich einige Schülerinnen und Schüler in ihrer Uniform, die vor einem violetten Oldtimer standen und ausgelassen diskutierten. Die beiden warteten geduldig auf mich und wir gingen weiter. Ich fragte mich, wohin das führen sollte. Da kamen wir auf einen Platz mit einem bunt bemalten, nicht mehr in Gebrauch stehendem Brunnen. Auch die Mauern und Häuser um den Platz waren voller kräftiger, fröhlicher Farben. In einer Steinmauer waren Badewannen eingelassen, auf die man kurze Texte geschrieben hatte. Diesen Platz wollten sie mir zeigen, meinten Chris und Joana, er war ein Tischler und sie eine Wäscherin.

Wir gingen in eines der niedrigen Gebäude, in dem einer der Künstler sein Atelier hatte. Er führte mich in einen kleinen Keller, in dem ich ein an die Decke gehängtes Bett bestaunen durfte, zu dem ich nicht recht wusste, was ich sagen sollte.

Danach wechselten wir in eine kleine Bar, wo ich den beiden einen Mojito ausgab. An der Decke hing eine alte Tür, beklebt mit Geldscheinen aus allen politischen Phasen des Landes.

An einem der beiden Tische saß eine Dame in ihren Fünfzigern, flankiert von zwei jungen Kubanern. Ihre Haut war fast ebenso weiß, wie ihr langes Sommerkleid. Dem Akzent nach war sie Britin. Sie tranken Mojito und sprachen nicht viel. Die Szene machte einen unwirklichen Eindruck, oder folgte einfach einem Muster, das ich noch nicht kannte. Ein wenig wirkten die beiden wie das Spielzeug der Dame, der lustvolle Zeitvertreib eines Nachmittags. Vielleicht spendierte sie ihnen nur einen Drink, so wie ich meinen Begleitern. Sie selbst schien aus dem Rahmen zu fallen – wenn es so einen gab –, die kühle Fremde inmitten eines aufgeladenen, heißen Vibrierens. Vielleicht waren sie auch kurz davor, in eine Casa particular zu gehen, um sich dort einem gemeinsamen Vergnügen hinzugeben.

Endlich sagte ich Chris und Joana auf Wiedersehen und bahnte mir weiter meinen Weg durch das Viertel. In einer der Straßen fotografierte ich einen fußballspielenden Jungen hinter der Havarie eines Oldtimers. Die Stadt wirkt wie aus der Zeit gefallen. Obwohl alles dem Augenblick gehörte, hatte alles mit einer längst vergangenen Gegenwart zu tun.

Ich brach auf in diesen wachen, turbulenten Traum, in dem einem alles so nahe kommt und doch so ungreifbar scheint. Jedes Viertel der Stadt hatte seinen Charakter, wie überall, aber dieses Viertel war das Erste, das ich von Havanna sah, der erste Eindruck. Für die nächsten Wochen war ich hier zuhause.

© Nick_O