Ein ganz besonderes Lied

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Ein ganz besonderes Lied | story.one

Ich kannte diesen Song bereits, bevor ihn unser Musiklehrer in der Klasse zeigte. Ich kannte dieses Lied, aber noch nicht die Bedeutung dahinter. Und genau das veränderte mein Hören.

Zweites Jahr Gymnasium. Eine Klasse mit komischen Leuten, verwirrt durch das Hormonspiel der Pubertät, in einem grauen Musiksaal im Erdgeschoss. Ich mochte nichts an dieser Schule, aber der Musiklehrer war okay. Italienischer Schweizer, dunkle Locken und eine Begeisterung und Energie für Musik, die auf uns überschwappen wollte.

Dieses bestimmte Lied, das meine Erinnerungen prägt, stammt nicht von einem Künstler alleine. Aber einer hat es in die Wege geleitet. Ein Schwarzer, der später nicht mehr schwarz war und ein ungewöhnliches Aussehen erlangte. Tragische Geschichte, mutiger Hintergrund.

Ich kannte nicht viele seiner Songs, aber dieser blieb mir im Gedächtnis. Ein Ohrwurm, aus den Stimmen mehrerer Musiker, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten und wie es so etwas noch nie gegeben hat. Michael Jackson hat Sänger mit Namen eingeladen, gemeinsam Musik zu machen. Für die Welt.

Ich weiß nicht mehr, wie die einzelnen hießen. Geblieben ist mir dieses prägende Bild im Kopf. Von singenden Menschen, wie sie nebeneinander, hintereinander stehen. Haarfarben von blond, dunkel bis pink, und egal welchen Alters, welcher Vorgeschichten. Sie alle waren vereint durch einen Rhythmus. Wie sie wippten in ihren Lederschuhen, wie sie sich anlachten, aufforderten und motivierten. Für diesen einen Song.

Es dauerte nicht lange und ich hatte das Lied am Handy so oft gespielt, dass ich den Text auswendig konnte. Drückte ich auf Play, formten meine Gedanken bereits die ersten Töne.

Meine Einstellung und Sichtweise über die Welt haben sich ein klein wenig verändert, als ich an diesem Tag den Musiksaal mit den alten Klappsesseln verließ. In meinen Ohren hörte ich noch das Rauschen und in meinem Bauch kribbelten die Klängen von We are the World.

© Nicole Hettegger 23.06.2019