Die Sünden der Väter

Ein Haus, das da steht wie ein Irrtum.

So sollten Menschen nicht leben. Viele Wohnungen, wie Schuhschachteln mutlos in einen Kasten gelegt, auf keinen Fall ein Zuhause, nur Unterkunft für die Zeit zwischen dem Arbeiten. So hatten es sich wohl auch die Direktoren der Fabrik gedacht, als sie ihren Arbeitern hier Wohnraum anboten. Zu günstigen Kreditbedingungen, was in Wahrheit keine Großzügigkeit war, sondern eine Schlinge um den Hals: Je stärker dich die bunte Welt hinaus in ihren langen Atem zieht, desto weniger Luft bekommst du. Viele Familienväter haben sie sich umlegen lassen und nichts bemerkt (Arbeit ist in diesem Haus Sache der Männer, die Frauen putzen, stricken unten im Hof auf den Bänken, verwelken langsam und haben Angst vor allem).

Kein guter Platz für Kinder.

Das Schlimmste ist der Geruch, denn es riecht nach nichts. Glück ist hier ein fremdes Land, in das es eine lange Reise ist, für die, man ist ja noch Kind, ein passendes Verkehrsmittel fehlt. Für das ganz große Unglück mangelt es zwar an Dramatik, aber das Leben in diesem Haus ist einfallslos, freudlos, kantenlos.

Ein uninspiriertes Stiegenhaus, durch das Kinder lärmen, ein fahles Lebenszeichen unter den Abgestorbenen. Sonst ist alles banal, nur: nicht auffallen. Außen eine einfallslose Fassade, lebloser Stein, innen ein versteinertes Leben. Kleine Wohnungen, nur kleine Wohnungen.

Die, in der ich lebe, hat braune Türstöcke und in jedem Raum schreckliche Tapeten, ein Irrtum auch sie – große Blumen früher, Rauhfaser später. Mein enges Zimmer, ein kleines Fenster und der Ausblick in eine Welt, die nicht anders ist als diese hier: Nachbarhaus, gleiche Fassade, gleiche Fenster, vermutlich gleiche Tapeten, dieselben Menschen, dasselbe Nichts. Wer so aufwächst, wird es später schwer haben.

Gehe ich aus meinem Zimmer, bin ich im lächerlichsten aller Vorräume, außer dem Vierteltelefon fängt nichts Modernes den Blick. Den Terrazzoboden, der dieser Katastrophe ein wenig ihre Dramatik genommen hätte, haben meine Eltern mit einem Spannteppich eliminiert. Was für eine Umgebung, um Kind zu sein. Die braunen Türstöcke: in jeder Wand. Lediglich einer führt hinaus, der zur Linken, aber da ist das Stiegenhaus, nur auf den ersten Blick ein weitläufigeres Universum. Tatsächlich spielt dort dasselbe Lied und bis ganz nach draußen ist es noch zu weit für ein Kind. Also bleibt zum Weitergehen der Türstock direkt vor mir, einfach hindurch stolpern.

Und hier nun: meine Eltern. Verstrickt in ein Leben ohne Liebe, ohne Denken. Eingesperrt in ein Zimmer, weil das andere dem Kind überlassen wurde, immerhin eine Geste der Großzügigkeit. Sie haben ihr Bestes gegeben. Ich +Jahre später dann auch, aber es ist wohl tatsächlich so, dass die Sünden der Väter die Sünden der Söhne sind. Ich habe, aus ganz anderen Gründen, meiner Tochter nicht mehr ins Leben mitgegeben, als mein eigener Vater damals mir. Dass das zu wenig ist, viel zu wenig, liegt auf der Hand.

© Nikolaus Deventer