Erste spiritistische Erfahrungen

Als Kind gehörte es zu meinen lieben Gewohnheiten, die Oma auf den Weg ins Milchgeschäft zu begleiten. Milch kaufte man damals nicht in Flaschen oder Packerln, sondern sie wurde in die mitgebrachte Milchkanne gepumpt.

Unterwegs hat die Oma leise vor sich hin gesprochen. Wahrscheinlich die Folge eines kleinen Schlaganfalls. Ihre Erzählungen betrafen viele spirituell geprägte Erlebnisse, in denen immer wieder dieselben Personen vorkamen. Im Zentrum standen „Herr und Frau Geheimrat“ und deren großbürgerliche Haushalt in Potsdam, in dem die Oma, noch zu Kaisers Zeiten, tätig war. Weitere Namen waren Käthe, Eugen und ein gewisser Emil, um den sich besonders viele Geschichten rankten. Die Oma begann beim Milchholen spontan zu erzählen und es tat ihr anscheinend wohl, in mir einen kleinen Zuhörer zu haben.

So lernte ich zuzuhören und dabei überschritten wir die Grenze: Die Oma kleidete ihre Erinnerungen in eine spirituell verklärte Welt, die sich von der Wirklichkeit sonderbar abhob. Da gab es den Emil, Omas erste Liebe, der kurz nach ihrer Kriegshochzeit im ersten Weltkrieg gefallen war. Sie war eines Morgens vollkommen verstört erwacht, hatte mehrere Stunden nicht zu sich selbst gefunden bis „Frau Geheimrat“, ihr die soeben zugestellte Todesnachricht ihres Emil übergab. Dieser Emil hatte später in mehreren Nächten versucht, mit ihr Kontakt aufzunehmen, doch sei die Erscheinung nicht in der Lage gewesen eine Gartentür zu öffnen und hatte sich dann in der Dunkelheit aufgelöst.

Für mich waren solche Erzählungen nichts Besonderes. Klar, man muss nur älter werden, um ebenfalls sowas zu erleben. Das schien mir der natürliche Lauf der Dinge zu sein. Dann jedoch gab ich gegenüber meiner Mutter eine gewisse Vertrautheit mit diesen Erscheinungen zu erkennen und sie stellte fest, dass ich bereits über ein akzeptables Repertoire von, wie sie sagte „Spintisierereien“ verfügte. Bei eigehender Befragung wurde dann auch die scheinbar verhängnisvolle Verursacher-Rolle der Oma offenbar. Derartige „Spintisierereien“ galten jedenfalls als nicht-gottgewollt und daher als sündhaft. Niemand war mir böse oder hat mit mir geschimpft, doch war ich mir des scheinbaren Ernstes meiner Lage wohl bewusst.

Es folgte eine Zeit, in der in der Familie weniger Milch getrunken wurde. Das dauerte aber nur ein paar Wochen. Rasch war mein Sündenfall vergessen. Der Alltag mit Hausputz, großen Waschtagen und ähnlichem deckte die elterliche Sorge über meine angeblich schon so früh irregeleitete Gedankenwelt wieder zu. Bald sah man die Oma und mich wieder gemeinsam auf den Weg zum Milchgeschäft.

Auch nachdem die liebe Oma dement geworden war, ist der „besondere Faden“ unserer Kommunikation geblieben. Wenn ich im Zimmer war, in dem sie als Pflegefall lag, begann sie wie immer zu erzählen. Erkennen konnte sie mich nicht mehr, vielmehr war ich besagter Eugen geworden. Ich habe ihr zugehört und nachgedacht – grad so wie immer schon – bis heute!

© Nikolaus-Gronau