Brisant spektakuläre Gastronomie

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Das Haus, in dem unser Institut bis Ende der 80er untergebracht war, stand im Besitz der Wiener Fachvertretung für Gastronomie. Überwiegend war es von der namhaften Schule für Koche und Gastronomie belegt und die sorgt bis heute für die Bereitstellung qualifizierter Fachkräfte im Tourismus vor allem für Küche und Service der Mitgliedsbetriebe.

Für uns als „Fremdkörper“ in dieser Umgebung ergab sich daraus ein angenehmer Nebennutzen, denn wir wurden „mitbekocht“ d.h. die Institutsmitarbeiter wurden gegen ein geringes Entgelt mit einem Mittagsmenü versorgt. Eigentlich nur von Vorteil ,auch wenn wir bisweilen, entsprechend Lehrplan und Saison, Tag für Tag ausschließlich Kürbisgerichte in allen denkbaren Variationen serviert bekamen.

Irgendwann jedoch hatte vermutlich ein Schüler die mehr als dumme Idee, einen Bombenalarm auszulösen. Egal wie realistisch solche Warnungen waren, wäre es unverantwortlich gewesen, sie zu ignorieren. Das komplette Gebäude musste evakuiert werden und das galt zumindest anfangs auch für uns, sodass sich auch unser Mitarbeiterteam an dem für uns bestimmten Sammelpunkt am Judenplatz einfand. Nachdem sich nicht nur zu unserem Ärgernis ein solcher Alarm im Laufe eines Schuljahrs wiederholte, waren wir nach einiger Zeit vom Alarm ausgenommen, weil für unsere Etage das Risiko einer unmittelbaren Bedrohung für gering erachtet worden war.

Wir konnten also ungestört weiterarbeiten, was wir aber faktisch kaum taten, weil bei aller Problematik die Alarmübungen und Evakuierungen der Gastgewerbeschule für alle Unbeteiligten zweifelsohne zu den absoluten Attraktionen am Judenplatz gehörten: Genauso wie die Mitarbeiter der uns gegenüberliegenden Böhmischen Hofkanzlei standen auch wir an den Fenstern und beobachteten das spektakuläre Schauspiel, wie sich plötzlich eine Schar entsprechend gewandeter Köche und Köchinnen mit charakteristischen Hauben aus dem Schultor ergoss, gefolgt von einer homogen gekleideten Schar bestehend aus Kellnern und Serviererinnen. Dann kam der nächste Kochjahrgang und so weiter, bis die Schule komplett geräumt war. Soviel ich weiß, war niemals eine Höllenmaschine gefunden noch der verantwortungslose Anrufer ausfindig gemacht worden. Dennoch hörten irgendwann die Bombendrohungen wie von allein auf und über die Gründe kann man nur spekulieren.

Die Szene jedoch mit den auf dem Judenplatz sich sammelnden "weißen Wolken" bestehend aus angehendem Küchen– und Servicepersonal hatte etwas Surreales, das sich nachhaltig in meinem Gedächtnis festsetzte. Noch skurriler musste es aber für die Autofahrer gewesen sein, die klarerweise während der Übung anhalten mussten und deren Fahrzeuge in der Folge von Scharen junger Köche oder Servierkräften umgeben waren.

Somit bleiben wir bei dem Positiven: Gott sei Dank ist bei en Evakuierungen nie etwas passiert und im Gedächtnis dürfen daher die positiven und skurrilen Eindrücke überwiegen.

© Nikolaus-Gronau