Courage, wir sind sicher bald am Ziel!

„Ah hallo, Sie sind also auch dabei!“ Ich fuhr im September 1991 im Zug vom Genfer Flughafen nach Yverdon zu einer internationalen Konferenz der OECD über die seinerzeitigen Herausforderungen an berufliche Bildungssysteme. Damals arbeitete ich in Wien auf dem Gebiet der Berufsbildungsforschung und der Landsmann im Zug war im Wirtschaftsministerium für die Lehrlingsausbildung zuständig. Bald war es dunkel geworden und gemeinsam nahmen wir in Yverdon die Schmalspurbahn nach Sainte-Croix. Wir plauderten weiter bis ich aus dem Fenster schauend erstaunt feststellte, dass die Lichter der Stadt bereits weit unter uns lagen und der Zug kletterte spürbar weiter den Berg hinauf. Insgesamt wurden so in etwa 40 Minuten 600 Höhenmeter überwunden.

Am Ziel wurden wir mit anderen Gästen per Bus in ein fast 100 Jahre altes Hotel gebracht und für die bereits angereisten Konferenzteilnehmer gab es einen kleinen Imbiss. Man unterhielt sich mit Bekannten, doch bin ich recht bald zu Bett gegangen.

Natürlich hätte ich es wissen können und war dennoch am nächsten Morgen überrascht als ich ans Fenster trat: Der Genfer See war im Dunst nur zu erahnen, doch dahinter lagen im hellen Sonnenlicht stetig höhere Bergreihen und den Abschluss dieser phantastischen Kulisse bildeten die schneebedeckten Gipfel der Savoyer Alpen und mitten darin der Montblanc. Dieser Anblick war wirklich überwältigend und ich brauchte Minuten, um alles in mich aufzunehmen.

Die Konferenz verdeutlichte uns nicht nur die Vielfalt der beruflichen Veränderungen, sondern auch die unterschiedlichen Erwartungen und Strategien, wie die Verantwortlichen aus Wissenschaft und Politik im Rahmen ihrer spezifischen Denkweisen und Traditionen an die Sache herangingen.

In Bussen ging es dann zum Abendempfang, der in einer abgelegenen, jedoch erstaunlich großen Berghütte stattfand. Bei der ersten Haarnadelkurve sagte ich zum Kollegen aus dem Ministerium „Ich glaub die spinnen ein wenig, wenn sie hier mit zwei tonnenschweren Bussen hinauf wollen.“ Bald ging es nurmehr auf einem Schotterweg weiter und die anfangs regen Gespräche wurden gedämpfter und verschwanden schließlich ganz. Um die aufgetretene Anspannung aufzulösen, griff ein Vertreter der OECD zum Mikrofon und sagte „Liebe Freunde, niemand braucht sich zu fürchten, denn die Schweizer haben gewiss alles präzise bis in kleinste Detail vorbereitet. Eigentlich wollte ich an dieser Stelle zu unser aller Beruhigung auf das Vorbild unserer sicherlich bergerfahrenen österreichischen Kollegen verweisen. Ich muss jedoch feststellen, dass diese hier (er zeigte lachend auf uns) die ersten waren, die ganz still geworden sind und jetzt nur noch voller Sorge aus dem Fenster schauen. Aber Courage, wir sind sicher bald da!“

Eine wie ich meine durchaus zielführende Strategie, den eigenen Befürchtungen mit einer Prise schwarzem Humor zu begegnen – sowohl auf Bergstraßen als auch bei neuen Bildungszielen.

© Nikolaus-Gronau