Ein Murmeltier - 7.000 km weit weg

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„Klack!“ Die Klappzahlen am Radiowecker waren eben von 05:59 auf 06:00 umgesprungen und nun schickte der Sender seine Hörer mit dem „I Got You Babe“ von Sonny und Cher in den neuen Tag: „Ok, Leute, Raus aus den Federn und ich sag’s euch gleich: heut ist’s saukalt draußen …“

Nein, alles falsch: Heut ist nicht der 2. Februar (Lichtmess) sondern der 25. März 2020, kein Murmeltier-Tag und ich bin auch nicht in Punxsutawney-Pennsylvania, sondern in Kleinpertholz-Waldviertel. Was jedoch stimmt: Mit -6° ist es saukalt draußen. Wie immer war ich von allein kurz vor 6 Uhr aufgewacht und hörte mir nun im Bett liegend das Frühjournal an. Die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Epidemie würden wahrscheinlich noch wochenlang beibehalten werden und für mich als risikobelasteten Pensionisten war das alternativlos.

Was aber war eigentlich anders? Meine liebe Frau lebt in Wien und ich bin so gut wie immer für mich allein in unsrem uralten Haus im Waldviertel. Freilich, ab nun waren alle Sozialkontakte gestrichen. Eine "Schwiegernichte" meiner Frau besorgt mir den Einkauf und so ich verlasse das Haus praktisch nur, um ein wenig im Garten zu werkeln oder für einen Spaziergang zum nächsten Teich.

Fad wird mir nicht, denn ich lese täglich daheim ausführlich die Zeitung, höre Radio, habe schon immer gern geschrieben, kann an Problemen herumtüfteln, schau mir bisweilen abends einen Film im TV oder aus meiner „Konservensammlung“ an und bastle gern mit Holz: „Punxsutawney“ mit seiner mysteriösen Endlos-Zeitschleife ist also für mich ganz weit weg.

Zwar habe ich einen klar geregelten Tagesablauf und der passt auch in Zeiten der Quarantäne unverändert in das mich umgebende System. Etwa beim Frühstück: Bei Sonnenschein dösen Nachbars Rösser vis a vis auf der Koppel unten am Bach vor sich hin. Beim anderen Nachbarn liegt der Hund vorm Hoftor und beobachtet die Dorfstraße, die dreifarbige Katze streicht durch die Wiese, die Bauern machen sich mit den Traktoren an die Arbeit, der Briefträger kommt, die Postautobusse fahren - und da wird mir bewusst, wie sehr mein ganzer Tagesablauf von nun an bis zum nächsten Morgen immer einer stabilen Abfolge entspricht. So stabil, dass er Außenstehenden wie eine Endlos-Zeitschleife vorkommen könnte.

Jetzt in der Quarantäne vielleicht noch mehr, weil meine regelmäßigen Außenkontakte, Gottesdienste und Stammtischbesuche bis hin zu den gelegentlichen Plaudereien mit den Nachbarn ersatzlos gestrichen sind. Dennoch resultiert für mich nicht die „ewige Wiederkehr des Gleichen“, solange sich eine unerschöpfliche Vielfalt von Ereignissen immer noch in meinem Kopf abspielen kann.

„… und brauchst du denn keine hübsche Andie MacDowell wie der Bill Murray im Film?“ „Nein, die brauche ich nicht, denn die täglichen Telefonkontakte zu meiner in Wien lebenden lieben Frau, den Kindern und den Enkerln sind meinem Alter viel angemessener.“ Und irgendwann ist ja die Krise überwunden und dann wird wieder besucht!

© Nikolaus-Gronau