Eine Überlebensfrage

„Ahoj , bist å scho då!“ so begrüßte ich allmorgendlich die Saatkrähe bei der stillgelegten Kläranlage im Dorf, wenn ich mit dem Radl in die Stadt zum Bäcker fuhr. Dieses Ritual war wohl eher zufällig entstanden, doch irgendwann hatte ich den Eindruck, dass der Vogel tatsächlich begonnen hatte, auf mich zu warten. Er antwortete nicht, sondern hielt zunächst den Kopf schräg, wohl um mich besser zu sehen und bei meinem Gruß duckte er sich dann mehrfach, machte dabei eine Bewegung, die unserem Achselzucken glich. Dabei ging er ein paar Schritte von links nach rechts oder umgekehrt.

Unsere Bekanntschaft währte bereits etwa 5 Jahre lang. Der Vogel saß auf dem kleinen Haus in dem das automatische Rechenwerk der Kläranlage untergebracht war und wenn ich mich verspätete, kam er mir etwas entgegen, d.h. er erwartete mich bereits beim Nachbarn am Gartenzaun. Wahrscheinlich war auch ihm unsere morgendliche Begegnung ein wesentlicher Bestandteil seines geregelten Tagesablaufs geworden.

Irgendwann aber erwischte mich im Winter eine ordentliche Erkältung, sodass ich für mehrere Tage das Haus nicht verlassen konnte, bis es mir wieder besser ging. Meine Nachbarin wusste darum und sie rief um kurz nach 9 bei mir an. Sie forderte mich auf, einmal kurz vors Haus zu gehen und mir meine großen Eschen am Bach anzuschauen. „Warum denn das?“ fragte ich neugierig. „Ich glaub, da wartet jemand auf Dich“ so ihre geheimnisvolle Antwort.

Zunächst schaute ich durchs Küchenfenster und da sah ich sie. Die Krähe saß tatsächlich ziemlich weit oben in einem der Bäume und schaute erwartungsvoll hinab. Also zog ich mir den Morgenmantel über und ging vor die Haustür. „Ahoj, bist å scho då“ rief ich mit erkältungsbedingt heisere Stimme hinauf, worauf der Vögel sich auf seinem Ast sitzend mehrfach achselzuckend duckte. Weil es kalt war ging ich rasch wieder ins Haus, doch bevor ich mich niederlegte, schaute ich nochmal aus dem Küchenfenster und sah gerade noch, wie die Krähe davonflog. Anscheinend hatte sie sich davon überzeugt, dass es mich noch gibt und somit war für sie soweit alles in Ordnung.

Seit dem Jahr 2017 kann ich jedoch nach einem langen Krankenhausaufenthalt nicht mehr Radfahren und esse seitdem allmorgendlich einen Toast. Zum Bäcker fahre ich nicht mehr. Und die Saatkrähe? Ich hab keine Ahnung, jedoch mache ich mir keine Sorgen. Vielleicht hatte meine Krähe geglaubt, sich als Totemvogel in meine spirituelle Welt einschleichen zu können und erfahrungsgemäß sind die ins Waldviertel zugereisten Städter für solche Ideen recht empfänglich. Namentlich sind es die Wiener bürgerlichen Bohemiens mit ihren Waffenrädern und erdfarbenen Pullovern. An mir jedoch hatte sich meine Krähe bislang bei aller Geduld den Schnabel ausgebissen.

Doch Krähen sind hartnäckig. Wie alt können Saatkrähen eigentlich werden? In Ausnahmefällen angeblich älter als 20 Jahre. Naja, vielleicht überlebt sie mich sogar und bekanntlich stirbt die Hoffnung ja zuletzt.

© Nikolaus-Gronau