Zurück ins Leben, in die Welt!

Der Schrittmacher war erfolgreich eingesetzt und fachgerecht verkabelt. Irgendwas stimmte aber nicht: Ich hatte den Eindruck, dass das Kastl das eingestellte Stakkato auch unter Belastung stur und unverändert beibehielt. Zu den Rückenschmerzen kam nun also eine ausgeprägte Belastungsschwäche. Am ehesten war alles noch im Bett auszuhalten, doch mir war klar, dass ich so schnell wie möglich auf die Beine kommen musste, wollte ich nicht zum Pflegefall werden. Dann aber brachte man dem Schrittmacher doch noch ein rhythmisches Einfühlungsvermögen bei und kümmerte sich endlich auch um die drei spontan entstandenen Brustwirbeleinbrüche. Ich bekam ein Stützkorsett und ein starkes Schmerzmittel. Das machte mich zwar antriebslos, aber es half. Ferner begann man auch, sich um die beginnenden Bewegungseinschränkungen bei Unterschenkeln und Füßen zu kümmern.

Nach fast drei Monaten im Spital war ich dann endlich doch wieder daheim. Nichts jedoch war einfach. Elisabeth, meine liebe Frau, musste mir beim Anziehen helfen und vor allem unser Jüngster, der damals noch bei uns wohnte, kümmerte sich um die Reflexe bei den unteren Extremitäten. In der Wiener Wohnung schaffte ich es gerade mal bis zum Klo und wieder zurück. Trotzdem, wenn auch unter Schmerzen hatte ich die ersten Schritte in die Selbständigkeit geschafft.

Jetzt nur nicht nachlassen! Täglich drehte ich meine Runden in der Wohnung: Vom Arbeitszimmer über Küche und Flur bis ins Wohnzimmer und wieder zurück. Zunächst nur einmal, dann fünfmal und später 10 Mal. Dann die ersten Ausflüge ins Freie: Natürlich im Rollstuhl mit Elisabeth und nur bis zur Sandkiste in unserem Hof, bald aber schon war ich beim Einkauf dabei oder der Jüngste rollte mich zum Semmelholen zum Bäcker.

Wenig später war ich allein unterwegs: Zeitunglesen im Hof war möglich und auch erste Schritte mit Rollstuhl allein innerhalb der Wohnhausanlage. Krönung: Der Weg in den Supermarkt, wo ich mich mit einem Eis belohnte. Und ganz wichtig: Da war nicht nur die Hilfe der Familie, sondern ich war endlich wieder unter Leuten. Also weitermachen. Ich hatte mir einen Rollator besorgt und machte erste Ausflüge mit der U-Bahn: Die Fußgängerzonen Meidlinger Hauptstraße, Favoritenstraße, Mariahilferstraße … alles wurde so für mich erreichbar und übers Handy hätte ich ja jederzeit Hilfe holen können. Bald war so gut wie nichts und niemand mehr vor mir sicher.

Letzte Etappe war der Computer. Mit Ausnahme meines Smartphones waren nach den Operationen alle Passwörter in meinem Hirn gelöscht. Verzweifelt saß ich vor meinem PC: Nichts zu machen! Wieder war es unser Jüngster, der mit Rat und Tat einschritt und mit seiner informationstechnischen Hilfe rieselte auch langsam der Kalk von den Synapsen meiner Nervenzellen. Endlich und vor allem mithilfe der Familie hatte ich die ersten Schritte zurück ins Leben und in die Welt geschafft. Danke - und den Rest sollte ich auch noch hinbekommen. Und ich hab's geschafft!

© Nikolaus-Gronau