"Hilfe, ich werde entführt!"

29. Januar 2013. Ich war stationär im Wiener AKH aufgenommen. Vor meiner Herz-OP waren noch ein paar Untersuchungen erforderlich. Francesco, meinem Bettnachbarn, war frühmorgens schon mitgeteilt worden, er könne um 14:00 mit seiner Operation rechnen. Diverse Notfälle hatten in seinem Fall schon mehrmals zuvor eine Terminverschiebung erforderlich gemacht. Nun war es also wieder soweit. Schon zu Mittag war er fixfertig vorbereitet, anweisungsgemäß geduscht und mit dem OP-Hemd bekleidet. Ja er hatte sich sogar den Schädel rasiert. Ab 14:00 begann sich seine Laune allerdings begreiflicherweise zu verschlechtern. Endlich um 18:30 wurde er abgeholt. Ich hatte den Eindruck, dass er sich nach den vielen Enttäuschungen der letzten Tage nunmehr auf seine OP sogar gefreut hat. „Ciao Francesco!“ „Ciao Nikolaus!“

Für die kommende Nacht hatte ich also ein Zimmer für mich allein. Hmmm - sehr angenehm! Ich genoss die Annehmlichkeit allein zu sein, las noch ein wenig und ging früh schlafen. Mitten in der Nacht jedoch wurde ich wach. Da war doch was! - Dann nochmal und jetzt war es ganz klar zu hören: Jemand (eine männliche Stimme) schrie laut „Hilfe, ich werde entführt!“. Naja, so eine Ansage ist ja keine Kleinigkeit und wenn man so wie ich abrupt aus dem Schlaf gerissen wurde, denkt man verständlicherweise schon daran, spontan zum Handy zu greifen, um die Polizei zu verständigen. - Da wieder: „Hilfe, ich werde entführt!“ Den Schwesternruf zu drücken erschien mir wenig sinnvoll - war hier doch Gefahr im Verzug! Schon hielt ich das Handy in Händen.

„Doch halt!“ sagte mir eine innere Stimme: Ich bin in einem Krankenhaus unter vielen frischoperierten Patienten. Die Wahrscheinlichkeit, dass unter solchen Umständen jemand in der Nacht verwirrt erwacht und unter dem Einfluss von Schlaftabletten oder was auch immer komische Dinge äußert, ist wesentlich größer, als tatsächlich entführt zu werden. Und weshalb sollte jemand einen Patienten aus einem Spital entführen? Auch entsann ich mich, einmal etwas von postoperativen Delirien mit massiven Halluzinationen gehört zu haben.

Ich legte also mein Handy wieder auf‘s Nachtkastl und beruhigte mich. Sicher war das vermeintliche Entführungsopfer tatsächlich schon längst in professionell guten Händen und auch war ohnehin nunmehr wieder Ruhe eingekehrt. In Gedanken wünschte ich dem anscheinend verwirrten Patienten noch eine gute Nacht und drehte mich auf die Seite, um weiter zu schlafen.

Dennoch gebe ich gern zu, dass ich für meine finale Reaktion eines „null Problemo!“ mindestens drei Minuten gebraucht habe. Sollte dennoch in jener Nacht jemand aus dem Grünen Bettenturm des AKH die Polizei verständigt haben – Ich war es jedenfalls nicht!

© Nikolaus-Gronau