In den Schluchten des Balkan

Sommerferien 1972. Wir, drei Studenten, wollten von Belgrad nach Sofia. Bis Dimitrovgrad waren die Straßenverhältnisse noch relativ gut und zunächst sah es auch so aus, als ob es auf bulgarischer Seite so weiterginge, doch schon wenige Kilometer nach der Grenze gab es nur mehr eine Schotterpiste. Naja, unser alter VW-Variant würde das schon aushalten, doch war es ratsam, langsamer zu fahren. 40 bis 50 km/h mussten reichen und immerhin war die Straße gut befestigt, jedoch kurvig. Die Landschaft wechselte von „hügelig“ auf „gebirgig“.

Schon seit Nis (YU) war der Straßenverkehr rapide zurückgegangen. Nun gab es auch keine Traktoren oder Fuhrwerke mehr. Vereinzelt im Abstand von 15 bis 20 Minuten kam ein Fahrzeug entgegen, wobei die Fahrer fast immer grüßend die Hand hoben. Und da! Wieder einer dieser riesigen staatlichen Mack-Trucks mit iranischem Kennzeichen, die den Warenverkehr zwischen den europäischen Nordseehäfen und Teheran, Isfahan, Ghom und wie die persischen Metropolen sonst noch hießen, aufrechterhielten. Um Devisen zu sparen waren sie mit großen Zusatztanks ausgerüstet, wahrscheinlich damit sie am Bestimmungsort im Freihafen zollfrei tanken konnten, bevor die Rückreise angetreten wurde.

Dann wurde es wirklich steil und offenbar waren wir nach mehreren engen Kurven am Scheitelpunkt angelangt. Braves Auto! Die Motortemperatur war zwar schon grenzwertig, aber von nun ab würde es leichter werden. Nach einer Rechtskurve ging es steil bergab; also besser mit Zwischengas runter in den zweiten Gang. Links tat sich ein tiefer Abhang auf und da! - Unten in der Schlucht in etwa 200 Meter Entfernung lag ein umgestürzter Mack. Offensichtlich war der Unfall schon vor einiger Zeit passiert: Keine Staubwolke, kein Rauch und mehrere Männer machten sich an dem Fahrzeug zu schaffen.

Wir vermuteten, dass anscheinend hilfreiche Hände bereits dabei waren, die Fahrzeug-Bergung vorzubereiten. Da jedoch erkannten wir, dass einer der Männer, der auf dem Anhänger-Aufbau, stand, eine langstielige Axt in Händen hielt und eben wieder ausholte, die in den Aufbau gewaltsam geschlagene Öffnung zu erweitern. Mehr noch: Die Augen all der vermeintlichen Helfer waren auf uns gerichtet waren. „Los, ja nicht stehenbleiben! Weg hier! Schnell, schnell!“

Halsbrecherisch rumpelte unser Variant scheppernd und ächzend die Bergstraße hinab, nicht ohne mehrfach „aufzusitzen“ und wir schauten ängstlich zurück, ob wir als unfreiwillige Zeugen eines offensichtlichen Verbrechens nicht verfolgt würden. Jedoch kein Fahrzeug war hinter uns zu sehen. Komischerweise kam uns auch niemand entgegen.

Erst in Dragoman (BG) wurde uns leichter. „Polizei?“ „Kommt nicht in Frage!“ Tja, niemand von uns konnte Bulgarisch und mit Englisch wird man hier auf der Polizeistation auch nicht weiterkommen. Womöglich wären wir sogar festgehalten worden, um zur Aufklärung beizutragen. Zivilcourage hin oder her – keiner von uns hatte Lust dazu.

© Nikolaus-Gronau