Ich bin Österreicher – Na Bravo!

„Machen wir die Grenzen dicht!“ „Schließen wir die Flüchtlingsrouten!“ „Bauen wir Mauern und Zäune!“ Ich habe zu viel erlebt, um solchen Sprüchen Glauben zu schenken. Zu gut erinnere ich mich an allein 12 bis 14 Millionen deutsche Flüchtlinge/Vertriebene, die nach dem 2. Weltkrieg in Westdeutschland, Österreich und der DDR eine neue Heimat suchen mussten. Bei mir in der Volksschule kamen ca 50 % der Eltern meiner Mitschüler „aus dem Osten“. Und obwohl unsere Eltern damals viel weniger gehabt haben, als wir heute, hat die Integration letztendlich doch geklappt. Das Alles können wir doch nicht so schnell vergessen haben! Oder etwa doch?

Die eigene Familiengeschichte reicht weit zurück: Im 13. und 14. Jahrhundert verließen einige Walser ihr Siedlungsgebiet im jetzigen Kanton Wallis (CH) und siedelten in abgeschiedenen Tälern Vorarlbergs (A). Im Brandnertal ist im Verleihungsbrief vom 7. Dezember 1347 auch unser Name unter den Kolonisten. Ein weiterer Nachfahre dürfte dann nach 1517 zum evangelischen Glauben übergetreten sein und sein Heil an der Warthe gesucht haben. Diese Region wurde später die preußische Provinz Posen. Jedenfalls scheint in Obornik in der jetzigen Woiwodschaft Wielkopolska (PL) anfang des 16. Jh. ein Urahn namens Martin auf. Die Familie lebte dort bis zu meinem Großvater Gustav und seiner Ehefrau (eine geb. Wisniewski) und auch mein Vater war noch in Posen geboren. Mit Ende des ersten Weltkrieges optierte der Großvater mit seiner 5-köpfigen Familie für den Verbleib im Deutschen Reich. So musste die Familie mit meinem damals neugeborenen Vater 1919 ihre Heimat verlassen, um in denkbar unsicheren Zeiten eine neue Bleibe in Gronau (D) im äußersten Westen des Deutschen Reichs zu finden. Dort bin ich 1952 geboren, habe mich nach dem Studium in Wien entschlossen, in Österreich zu bleiben und lebe seit meine Pension im Waldviertel (A).

Österreicher bin ich seit 1992, also nicht durch den Zufall der Geburt, sondern aufgrund einer Willensentscheidung. Sowie hier üblich, wurde damit mein Deutscher Reisepass eingezogen. Alles in allem hat das damals etwa 10.000,- Schilling gekostet, doch war die heimische Staatsbürgerschaft damals auch Anstellungsvoraussetzung für meinen weiteren Beruf. Ich hatte eigentlich nie einen Grund, diese Entscheidung zu bereuen und schon die Familiengeschichte zeigt, dass wir ja „immer und überall“ daheim sein können. Und vergegenwärtigen wir uns: Die Freiheiten, die wir hier genießen, sind nicht selbstverständlich in dieser Welt!

Natürlich ärgere ich mich über unsere Politiker und mache meinem Ärger immer wieder in diversen Leserbriefen Luft. Andererseits ist unser Haus das einzige im Dorf, an dem oft geflaggt ist. Nicht so oft wie in Dänemark, Schweden oder in der Schweiz, denn drei Voraussetzungen müssen erfüllt sein: Der Hausherr muss da sein, das Wetter muss schön sein und ich muss „gut drauf sein“!

© Nikolaus-Gronau