Ich habe eine Tankstelle

Wanderer, die bei H'stein aus dem Wald kamen, waren verblüfft: Da stand doch tatsächlich ein riesiges Verkehrsflugzeug. Die Iljuschin des einstigen ČSSR-Staatspräsidenten Husák. Ein heimischer Unternehmer hatte sich seinen Traum verwirklicht, die Maschine gekauft und dort ein Flugzeugrestaurant eröffnet. In wirtschaftlicher Hinsicht bald ein Albtraum, steht die Maschine mittlerweile am Dach eines Grazer Hotels. Die eigentliche Nachfrage nach Attraktionen ist hierorts eben so groß, wie der Bedarf heimischer Karpfen an Fahrrädern. Gibt es bei uns doch ohnehin jede Menge einzigartiger Besonderheiten. Diese aber erschließen sich nur feinsinnigen Gemütern.

So gibt’s etwa in geringer Entfernung vom nunmehr „entfleuchten“ Flugzeugrestaurant eine Tankstelle. Sie gilt als die nördlichste Markentankstelle Österreichs. Im Kassaraum läuft in der Regel das Radio, doch nicht irgendein Gedudel, sondern der ORF-Kultursender. Da kann es mir passieren, dass mein „Grüß Dich“ nicht erwidert wird, sondern Manfred, der Senior Chef sich nachdenklich erhebend und Ruhe gebietend den Finger an die Lippen legt. Ist die Passage dann verklungen, heißt es: „Tschuldige, aber das war jetzt so schön …!“

Ich kenne kaum einen Menschen mit einer stärkeren Liebe zu Musik, Lyrik und zu Sprache im Allgemeinen. Als im Krieg geborener Sohn eines Mühlenbesitzers traf ihn Hamlets „Sein oder Nichtsein“ existenziell recht früh: Nach der HTL hatte er ein technisches Studium begonnen, doch als praktisch veranlagter Typ sah er an der Uni die Theoretiker im Vorteil. Als es dann dem Vater nicht mehr so gut ging, kehrte er heim zum elterlichen Betrieb. Sein Bruder entschied sich damals für die Säge und die ihm verbleibende Getreidemühle wie auch der Mühlenbau, war ohne Zukunft. Als Alternative bot sich die Automobilisierung an, galten doch Autos als Ikonen des Wirtschaftswunders. Sie gaben Tonart und Rhythmus des nahezu gesamten orchestralen Wirtschaftsgeschehens vor. Manfred eröffnete an der Bundestraße eine Zapfsäule, aus der sich in den 60ern rasch eine Tankstelle entwickelte. Heute gegen Ende des Otto-Motors auf 4 Rädern wird sich der Betriebsnachfolger für die Zukunft etwas einfallen lassen müssen.

Manfreds wahre Leidenschaft jedoch waren seit jeher und blieben die Lyrik und das Theater. Bei der Bühne Heideneichstein avancierte er bald zu Größe und gilt jetzt als anerkannter Doyen des Ensembles. Für mich unvergesslich sein Theaterdirektor Striese im „Raub der Sabinerinnen“. Und kein Gedicht ist vor ihm sicher. Wenn du im Gespräch mit ihm ein lyrisches Fragment wie etwa „…und alles, was dir bleibt, ist nichts, so lang das schöne All der Töne fehlt und Farben“absetzt, so ist dies bei ihm der Auslöser und wenig später hat er in einer Hirnregion Schiller gefunden und rezitiert weiter.

Ich wollte ihn einmal aufmuntern, mit dem Schreiben zu beginnen. „Nein das geht bei mir wirklich nicht, denn du weißt ja, ICH HABE EINE TANKSTELLE!

© Nikolaus-Gronau