Kannitverstan 1988

Nein, der Titel deutet nicht auf eine Wiederholung der Erzählung von Johann Peter Hebel, sondern bezieht sich auf eine Äußerung meines Freundes Sjaak Sandbergen aus den Niederlanden, doch dazu später. Wir waren Mitglieder einer OECD-Arbeitsgruppe zur Entwicklung statistischer Indikatoren im Bildungswesen, die sich im Jahr 1987 in Washington etabliert hatte und die erste Folgetagung fand auf Einladung des französischen Unterrichtsministers unter dem damaligen Premierministers Jacques Chirac (dem späteren Staatspräsidenten) im März 1988 in Poitiers statt. Viel später sind in der Folge dieser allerersten Beratungen von der OECD dann die Berichte „Education at a Glance“ bzw. „Bildung auf einen Blick“ herausgegeben worden.

Am Abend des zweiten Tages der Konferenz in Poitiers gab es einen großen Empfang und nach dem üblichen „Kopfsalat“ mit den diversen Grußadressen war „Netzwerken“ angesagt. Ich hatte soeben ein Gespräch beendet und war frei und da stand er: Der Bürgermeister, also le Maire de Poitiers Monsieur Jacques Santrot. Ich bemühte mich, ihn ja nicht anzuschauen und so fielen mir seine riesengroßen Schuhe auf, die sich auf mich zu bewegten.

„Bon soir Monsier. puis-je demander d'où ils viennent?“ Mist, ich war gemeint! Aber Contenance und höflich sein: „Small Talk“ auf Französisch war angesagt. Leicht gesagt wenn mein Französisch kaum für eine Bestellung im Restaurant ausreicht. Ich kratzte also meine letzten Sprachkenntnisse zusammen, begrüßte ihn, sagte wie ich heiße und dass ich Österreicher sei. Auch bedauerte ich, nicht französisch sprechen zu können. Schon dabei ging mein Vorrat an Floskeln rapide zur Neige. Dies erahnend schnipste Monsieur le Maire nach einem „Traducteur“. Das bereitete mir zwar eine gewisse Erleichterung, aber worüber sollte ich reden? Ich erzählte also, wie glücklich ich wäre in jener Region Gast zu sein in der Karl Martell im 8. Jahrhundert die Mauren erfolgreich bekämpft hatte. Als Protestant fiel mir ferner auch das Edikt von Poitier ein, das das Ende der Hugenottenkriege im 16, Jahrhundert besiegelte und schließlich kam mir aus dem Kunstunterricht eine reich verzierte romanische Kirche in Poitiers in den Sinn. Ich sollte dann im Gespräch erfahren, dass es sich dabei um die Kathedrale Notre Dame de las Grande handeln dürfte. Selbstverständlich versprach ich beim Abschied, sie besuchen zu wollen.

Endlich nach gefühlten 30 Minuten war ich entlassen und der Bürgermeister steuerte auf meinen Freund Sjaak Sandbergen vom Nederlandse Ministerie van Onderwijs en Wetenschap zu. Ebenso wie ich konnte der arme Sjaak auch nur leidlich Französisch und schon begann ich, ihn zu bedauern, als ich sah, dass sich der Bürgermeister nach nur 10 Sekunden abwendete und ein anderes Opfer suchte. „Wie hast du das denn gemacht?“ fragte ich ihn. „Tja, ich hab im einfach gesagt, dass ich nicht Französisch kann.“ „Hab ich auch gemacht!“ meinte ich. „Ja, aber nicht auf Holländisch.“

© Nikolaus-Gronau