„Keine Sorge, auch wir sprechen Deutsch“

Österreich war zwar noch nicht EU-Mitglied doch zeichnete sich in den 90ern gemeinsam mit Finnland und Schweden die sog. Norderweiterung ab. Im Hinblick auf neue Aufgaben und Möglichkeiten waren die Kandidaten von der EU eingeladen worden, sich vorbereitend auch mit der Arbeit des CEDEFOP vertraut zu machen. Unsere konkreten Beratungen begannen im Jahr 1992.

Wenn es in der EU um berufliche Bildung geht, hat dieses CEDEFOP, das Europäische Zentrum zur Förderung der Berufsbildung in Thessaloniki die Aufgabe, Hintergrundinformationen zu liefern und gemeinsame Bildungsinitiativen anzuregen. Es war 1975 geründet worden und hatte ursprünglich seinen Sitz in Berlin gehabt. Oberstes Leitungsgremium ist der Verwaltungsrat in den jedes EU-Mitglied einen Regierungsvertreter und je einen Arbeitgeber – und Arbeitnehmervertreter entsendet. Bis zum EU-Beitritt trafen wir uns jährlich 2 mal in der Kandidaten Formation und hatten ferner einen Beobachterstatus bei den ebenfalls 2 maligen Sitzungen des Verwaltungsrats. So lernten wir nicht nur die Arbeit des Zentrums kennen, sondern auch die europäischen Fachvertreter der anderen Sozialpartnerinstitutionen und Regierungsstellen. Das Arbeitsklima war grundsätzlich hervorragend und man konnte sich darauf verlassen, dass prinzipiell alle Beteiligten auch in der internationalen Zusammenarbeit ein gemeinsames Interesse an einer Optimierung der Berufsbildung verband. Auch wenn es in den offiziellen Sitzungen eine Simultanübersetzung in alle EU-Amtssprachen gab, verständigte man sich außerhalb üblicherweise auf Englisch.

Wieder fand eine der vorbereitenden Sitzungen für die Beitrittskandidaten statt. Der Programmverantwortliche für das Studienbesuchsprogramm des Zentrums war Italiener, der neben seiner Muttersprache lediglich Deutsch und Französisch beherrschte. In unserer Gruppe jedoch hatten wir uns von Anfang an auf Englisch als offizielle Arbeitssprache verständigt. Nach einer allgemein gehaltenen Einleitung fragte nun der Vorsitzende, ob es Bedenken gebe, wenn der folgende Tagesordnungspunkt in deutscher Sprache präsentiert wird, worauf ich meinte für die gesamte österreichische Delegation sprechen zu können, wenn wir aus naheliegenden Gründen die Entscheidung ausschließlich den Skandinaviern überlassen. Unsere Überraschung war groß, als nun Manu aus Finnland in akzentfreiem Deutsch meinte: „Danke, Nikolaus, das ist ganz lieb von Euch, aber wir können alle auch prima Eure Sprache.“ Ich war ziemlich perplex und versuchte auch garnicht, meine Überraschung zu verbergen: Da kannten wir nun einander schon seit bald 2 Jahren und erst jetzt sprach er zum erstem Mal Deutsch mit uns. Wir alle lachten und ich stellte fest, dass es nun für mich anscheinend allerhöchste Zeit wird, endlich zumindest auch Finnisch zu lernen. Wir sind jedoch übereingekommen, es bei Englisch bleiben zu lassen.

© Nikolaus-Gronau