Luther im fürsterzbischöflichen Salzburg?

Egal ob London, Paris, Brüssel oder Wien: Die Architektur des ausgehenden 19. und frühen 20. Jhs trägt nach meinem Geschmack oft Züge einer imperialen Geltungssucht. Salzburg ist da wie ich meine nur wenig anders aber eben älter: Anstelle der weltlichen Macht ist hier der fürsterzbischöfliche Geist an allen Ecken und Kanten spürbar. Auf evangelisch geprägte Zeitgenossen wie mich wirkt das bisweilen ein wenig penetrant, doch liegt das wohl eher in den Augen der Betrachter. Trotz alledem hat Salzburg nicht nur die unübersehbare ev. Christuskirsche am Elisabethkai, sondern auch ein etwas subtileres Zeugnis evangelischer Tradition. Dazu mehr:

Mit der Reformation spaltete sich die Evangelische Kirche von Rom ab. Kein Paukenschlag, sondern ein kontinuierlicher Prozess, der 1517 mit Luthers 95 Thesen an der Schlosskirche zu Wittenberg begann und sich von dort ausbreitete.

Als praktizierender Protestant sind mir die Ereignisse aus Luthers Leben seit meiner Kindheit bekannt und besonders faszinierend fand ich in seiner Lebensgeschichte die ersten Jahre als Student und Augustinermönch, der sich mit nichts auf der Welt und am allerwenigsten mit sich selbst zufrieden gab, weil nach seiner Auffassung unser Gott doch unmöglich mit so einer Welt einverstanden sein konnte. In der Überzeugung, nie und nimmer vor Gott bestehen zu können, klagte er vor allem sich in der Beichte schonungslos an, bis ihm sein Freund, Beichtvater und „Vorgesetzter“ vorwarf, dass wenn er mit dieser Schonungslosigkeit so weitermache, er auch bald Gott bezichtigen werde, für Alles und Jedes verantwortlich zu sein.

In der weiteren Folge kam Luther zur Einsicht, dass auch wenn wir als Menschen aus eigener Kraft ohnehin niemals vor Gott gerecht sein können, wir dennoch und allein auf Gottes Gnade vertrauen dürfen. Zu diesem Kernsatz des reformatorischen Glaubens hatte ihm sein Beichtvater, Johann von Staupitz, verholfen. Luther selbst sagte einmal „Hätte mir Dr. Staupitz oder vielmehr Gott durch Dr. Staupitz aus den Anfechtungen nicht herausgeholfen, so wäre ich darinnen ersoffen und längst in der Hölle.“

Die beiden blieben zeitlebens gute Freunde auch wenn sich ihre Wege in weiterer Folge trennten. Staupitz legte seine Professur in Wittenberg zurück auf der ihm Luther nachfolgte und es zog ihn über kurz oder lang nach Salzburg, wo er nach seinem Wechsel zu den Benediktinern 1522 zum Abt von St. Peter gewählt wurde, jedoch schon 1524 verstarb.

In der Hoffnung, seine letzte Ruhestätte aufzufinden, habe ich bei meinen häufigen beruflichen Salzburg-Aufenthalten von Zeit zu Zeit den Friedhof von St. Peter besucht. Beim ersten Versuch bat ich jemanden um Hilfe, doch als ich anmerkte, dass es sich um den einstigen Beichtvater und Freund Martin Luthers handle, meinte dieser, dass man diesen Menschen wohl kaum in fürsterzbischöflicher Erde bestattet hätte. Erst später erfuhr ich, dass sich sein Grab in der Marienkapelle der Erzabtei befindet.

© Nikolaus-Gronau