Meidling – ein kritischer Bahnhof!

Als der alte Bahnhof Wien-Meidling im Jahr 2007 abgebrochen wurde, verloren die Wiener gleichzeitig ein symbolträchtiges Graffito: Anlass war der Justizminister im Kabinett der Regierung 1983 bis 1986

Eigentlich waren es sogar zwei Graffiti: Eines befand sich an der rechten Bahnhofsecke, während das andere unscheinbar in der Unterführung gegenüber der alten Tabak-Trafik zu finden war. In beiden Fällen handelte es sich um den mit roter Ölfarbe gepinselten Schriftzug „Nazi O… raus“ gemeinsam mit dem alten Parteizeichen der Sozialisten (dem Kreis mit drei Pfeilen). Zu einer Zeit, als Graffiti in Wien noch noch gänzlich unbekannt waren, war diese Manifestation der Unzufriedenheit eines Sozialisten mit der Parteiführung, durchaus auffällig.

Klar, dass die Verantwortlichen schnell handeln mussten. Nach wenigen Tagen war die Manifestation auf der Bahnhofsfassade verschwunden. Man hatte sie übertüncht. Der beauftragte Maler war jedoch ein geschickter Handwerker, der peinlich genau nur die rote Farbe mit solchem Grau übermalte, das dem Bahnhofsgrau weitgehend entsprach. Das Wort „weitgehend“ ist in diesem Zusammenhang insofern wichtig, weil durch diese Übermalung die Lesbarkeit der Inschrift nur wenig in Mitleidenschaft gezogen wurde. Somit war im zweiten Durchgang eine „Komplettübermalung“ in Form eines großen grauen Rechtecks erforderlich, die dann in weiterer Folge für ein paar Monate tatsächlich auch ihren Zweck erfüllte.

Nach Ablauf dieser Monate brach aber langsam und kontinuierlich die ursprüngliche, rote Ölfarbe ans Tageslicht. Nach weniger als einem Jahr war Schriftzug war wieder sichtbar geworden. Wieder kam ein offensichtlich ebenfalls regierungskritischer Handwerker zum Zug und diesmal war es ein Maurer, der die rote Farbe entfernte. Auch er nahm seine Arbeit sehr genau, wählte einen recht feinen Meißel und entfernte exakt die Farbe so, dass der Schriftzug mehrere Zentimeter tief in den Putz graviert wurde. Nachdem dies getan war, wurden die solcherart eingegrabenen Linien sorgfältig mit frischem hellweißen Putz ausgefüllt: Das Ergebnis war beeindruckend: So gut wie nie zuvor konnten die Passanten nun das SP-Logo und die Manifestation nachhaltig erkennen.

Weil die ganze Angelegenheit peinlich zu werden begann, griffen abermals die Verantwortlichen durch: Ungefähr in der Größe des seinerzeitigen Grauen Rechtecks wurde die äußere Fassade vollständig abgeschlagen und ein neuer Putz aufgebracht. Wenn nun jemand gefragt hätte, warum denn das rechte Eck, und nur dieses vom Bahnhof neu verputzt war, hat man ihn zur Unterführung weisen müssen, denn dort war der der Schriftzug bis zum Abbruch des gesamten Bahnhofs im Jahr 2007 vollkommen unbehelligt geblieben. Böse Zungen meinen, der Bahnhof sei letztlich deshalb abgebrochen worden, weil die Verantwortlichen keinen anderen Rat wussten, der Mythenbildung rund um das Kabinett der ersten rot-blauen Koalition zu begegnen.

© Nikolaus-Gronau