Mille Grazie Donatella!

Doch, Donatella war nicht nur gescheit, sondern auch hübsch. Gemeinsam mit Monika, einer Kollegin, war sie soeben in mein Büro gekommen, um sich zu bedanken und sich zu verabschieden. Ich stand auf und wollte ihr die Hand geben, doch geschmeidig unterlief sie meine Bewegung, um mich innig und herzlich zu umarmen.

Puh …! Ich war vollkommen verdattert. Wohl wollte ich irgendwas Gescheites sagen, doch fiel mir auf den Schreck absolut nichts mehr ein. Stumm wankte ich zu meinem Schreibtischsessel zurück, denn tatsächlich musste ich mich zunächst einmal niedersetzen. Monika, die mich seit langem genau kannte, grinste übers ganze Gesicht und plötzlich schien auch Donatella zu ahnen, dass „man“, genauer „frau“, sich da einen Jux mit ihr erlaubt hatte.

Donatella arbeitete an einer italienischen Hochschule über ein österreichisches Bildungsthema und hatte ein paar Wochen in unserem Institut, also gleichsam „vor Ort“ recherchiert. Mehrfach war sie auch bei mir und ich habe ihr gern geholfen. Da war nicht mehr dahinter und ehrlich gestanden war ich auch nie der Typ für amouröse Abenteuer. Auch als bisweilen eigensinniger und oft streitbarer Zeitgenosse habe ich alle Menschen grundsätzlich gern. Zwischen Gernhaben und Lieben jedoch besteht ein großer Unterschied und meine liebe Ehefrau hat sich immer auf meine vielleicht altmodischen Moralvorstellungen verlassen können.

Auch Monika wusste um all dies, aber sie wusste noch mehr: Als gebürtiger Westfale hält man auf Abstand, d.h. man gibt sich wie die meisten Norddeutschen als der „kühle Klare“. Das ist weniger eine freie Willensentscheidung, sondern das bekommt man schon daheim eingeimpft. Ferner gilt, dass „richtige Jungs“ nicht kuscheln dürfen (wie auch Indianer keinen Schmerz spüren). Ergebnis: Mit Ausnahme meiner Ehefrau und der eigenen Kinder machte jeder Mensch, der sich mir auf weniger als ca 40 cm näherte die Erfahrung, dass ich verlegen und zwanghaft zurückwich.

In Norddeutschland wäre dies nicht weiter aufgefallen. Gemeinsames Kuscheln im Bett mit den Kindern am Sonntagmorgen war in der elterlichen Familie undenkbar und auch der Gute-Nacht-Kuss hatte spätestens mit dem Schuleintritt sein natürliches „Ablaufdatum“ überschritten. Dabei war vollkommen klar, dass meine Eltern und wir Kinder einander in Liebe zugetan waren. Jene Innigkeit jedoch, die man in südlicheren Gefilden nicht nur sieht, sondern auch persönlich und vielfältig erfährt, ist den „Nordlichtern“ irgendwie fremd.

Doch zurück zum Anfang der Geschichte: Donatella hatte Monika gefragt, wie sie sich bei mir für die gemeinsame Zeit im Institut bedanken kann. Monika erkannte treffsicher die sich abzeichnende Gelegenheit für einen Spaß. „Dem braucht man nichts zu schenken – am meisten freut der sich, wenn Du ihn ganz einfach herzlich drückst.“

Das alles ist schon recht lange her und seit bald einem halben Jahrhundert lebe ich hier in Österreich und habe hier viel gelernt – Gott sei Dank!

© Nikolaus-Gronau