»Mme Marguerite Frede«

In meiner Erinnerung ist sie zu »Mme Marguerite Frede« geworden, obwohl sie eigentlich einen deutschen Namen führte. Sie wird um 1895 im elsässischen Metz geboren sein, das seit 1871 zum Kaiserreich gehörte und seitdem zu einer Festung ausgebaut worden war. Sie war deutschsprachig aufgewachsen, sprach jedoch ebenso gut Französisch. Ihr Vater war Fuhrunternehmer und wohlhabend. Sie hatte eine höhere Töchterschule absolviert, sah gut aus und wäre wohl „eine gute Partie“ gewesen, doch mit Kriegsende hatte man ihr nicht nur das Elternhaus, sondern auch ihre Heimat und Zukunft genommen. »Mme Marguerite« war aber niemanden böse, denn es hätte ohnedies nichts geändert. Sie war im westfälischen Dortmund in einem Haushalt „in Stellung“ gegangen. Bald hielt ein junger Angestellter in guter Position um ihre Hand an und sie heiratete.

Freilich hätte sie gern ausprobiert, ob sie sich als Schneiderin selbständig machen könnte, doch war bald darauf ihr einziges Kind geboren worden und so kümmerte sie sich um den Haushalt der kleinen Familie. Geschneidert aber hat sie für ihr Leben gern und neben dem Kochen war dies eine weitere Leidenschaft, die sie sich aus ihrer Heimat bewahrt hatte. Über ihre Schneiderei hatte sich meine Mutter mit ihr angefreundet. So lernte auch ich sie kennen und in den frühen 1960ern war ich mehrmals bei ihr zu Besuch. Ich mochte sie. Lang schon war sie verwitwet. Sie wohnte in einer kleinen Mansardenwohnung in Dortmund-Hörde.

Sie war eine resolute und dabei feine, recht zarte alte Dame mit einem leichten französischen Akzent. Überdies verwendete Sie im Deutschen stets französische Begriffe. So war der dt. »Bürgersteig« (öst. »Gehsteig«) bei ihr ein »Trottoir«, eine »Zudecke“ (öst. »Tuchent«) war ein »Plumeau« oder ein »Eisenbahnabteil« war ein »Coupé« u.v.m. Als ich sie kennenlernte, verfügte sie über zwar sehr wenig, aber – wie sie sagte »gediegenen« Hausrat: Porzellan, Besteck, Gläser, alles war von bester Qualität und sorgsam gepflegt.

Gern erzählte sie aus ihrem Leben, so beispielsweise wie eine wunderbare Dame „mit rauschenden Röcken“ aus dem Kontor des Vaters gekommen war und ihr übers Haar gestrichen habe. Diese Dame habe, wie sie später erfahren hatte, zu den Opfern des Untergangs der Titanic gehört. Sehr nahe war ihr auch daheim der Tod eines Kutschers gegangen, der von seinem Lieblingspferd böse in die Brust getreten worden war: „Oh, oh ma chère Babette …“ habe er 2 Tage lang geseufzt, immer wieder „ma chère Babette, pourquoi as-tu fait ça?“ … bis zu seinem Tod. Offenbar war seine Tierliebe stärker als sein Groll. Als die Franzosen im März 1923 mit 23.000 Mann in das Ruhrgebiet einmarschierten, war »Mme Frede« aufgrund ihrer Französischkenntnissen oft gerufen worden, wenn es galt, lokale Streitigkeiten zu schlichten. Niemals war sie böse auf die für sie nun zweifachen Besatzer, weil sie Land und Leute dort zu sehr geliebt hatte. – Gestorben ist sie 1972. Sie war eine wahre Europäerin.

© Nikolaus-Gronau