„Nicht einmal Pferde haben sie“

„Allons enfants de la Patrie, zeigen wir unserer Regierung, wie wir über ihre Politik denken!“ Dies rief ich aufmunternd der Uschi und der Ramona zu, als sie wie fast täglich auf unsrer Dorfstraße ihre beiden Rösser abends am Halfterband an meinem Haus vorbeiführten. Heute allerdings trugen alle erstmals gelbe Warnwesten wie die regierungskritischen Manifestanten in Frankreich (Gilets Jaunes). Nicht nur die Frauen, sondern auch ihre Pferde waren entsprechend ausgerüstet. Ein beeindruckendes Bild. „Le dernier cri - c'est tres chic!“

Die Frauen lachten und die Rösser trotteten gelassen weiter. Vom Atlas wusste ich, dass er schon auf die 40 zuging und auch Ramonas Pferd sah man an, dass es längst schon in die Jahre gekommen war. Fast rührend, wie die beiden Frauen sich offensichtlich aus Dankbarkeit ihrer alten vierbeinigen Freunde annahmen.

Ich denke, dass wir alle eigentlich Grund haben, den Pferden dankbar zu sein. Nein, weniger den Freizeit- und Sportgefährten all jener, die es sich leisten können, sondern jenen ungezählten Pferden, die die Menschheit in ihrer Geschichte nicht nur begleitet, sondern viele kulturelle Leistungen, überhaupt erst ermöglicht haben. Vom Geschichtsunterricht an unseren Schulen geprägt, denken wir jetzt zunächst an Feldzüge und militärische Erfolge. Denken wir aber auch an die Erschließung ganzer Kontinente, an die Rodung einst unwegsamer Regionen bei uns, und vergessen wir über all dem nicht die seinerzeitige Bedeutung der Pferde in der Landwirtschaft. Schon seit Jahrzehnten habe ich keinen Bauern mehr mit einem Ross ackern gesehen und auch als ich ins Waldviertel kam, hatten schon praktisch alle Bauern einen Traktor. Einige wenige hatten jedoch noch ihre Rösser behalten, was insofern leicht war, weil man ohnedies für die Milchwirtschaft über geeignetes Futter verfügte und auch die Koppel war ja schon da. Hier und da sah man damals noch einen Altbauern mit einem Fuhrwerk, doch waren dies wirklich schon die allerletzten Vertreter dieser mittlerweile buchstäblich ausgestorbenen Art. Erstaunlich lange hielt sich das Pferd noch in der physikalischen Maßeinheit der Pferdestärke, doch wird mittlerweile auch bei Verbrennungsmotoren die Leistung in Watt gemessen. Die wahre Bedeutung der Pferde mag auch die folgende Geschichte aus dem zweiten Weltkrieg verdeutlichen:

Am Kaukasus sitzen zwei alte Männer auf einer Bank und warten auf den Abend. Sie hatten in ihren Leben schon viel erlebt und längst über alles miteinander gesprochen. Nun schwiegen sie, als der eine am Horizont eine Staubwolke sieht. „Da kommen wieder welche“ sagt er und der andere nickt nur. Nach 20 Minuten fahren mehrere Wagen der deutschen Wehrmacht an ihnen vorbei und verschwinden auf der anderen Seite des Horizonts. „Die werden sich auch nicht halten“ sagt der eine. „So wie alle anderen vor ihnen“ meint der andere und übereinstimmend stellen sie fest: „Und die jetzt haben nicht einmal Pferde.“

© Nikolaus-Gronau