Nikolaus, ein Schwarzer und die Diakonie

„Nikolaus“ ist eine Ausnahmeerscheinung in der Bibel: Nur ein einziges Mal taucht er auf, als in der noch ganz jungen Christengemeinde in Jerusalem 7 Leute sich darum kümmern sollten, dass niemand zu kurz kommt. Man nannte sie Diakone und der Nikolaus war einer davon. Von diesen Diakonen hat das Sozialwerk der evangelischen Kirche seinen Namen. Nichts Böses ahnend hielt ich die Sonntagspredigt, als ich plötzlich den Chef des Österreichischen Dachverbands der Diakonie unter meinen Zuhörern erkannte. Wie kam es dazu?

An den Sonntagen der Sommermonate haben die evangelischen Lektoren Saison: Die Pfarrer machen Urlaub und somit halten die Laienprediger die Gottesdienste. Am 8. Juli 2018 war ich an der Reihe. Im Predigttext wurde der „Kämmerer aus Äthiopien“ von Philippus, einem Diakon, getauft. Da konnte man den Gottesdienst-Besuchern allerhand Hintergrund-Informationen liefern. Üblicherweise vertieft man sich aber in die Person des Kämmerers, also des Finanzministers der äthiopischen Königin. Ein Schwarzer und ein wichtiger Mann. Naja, Mann? Er war ein Eunuch, also nicht unbedingt jemand, der vorbehaltlos zu beneiden war. Damit war er von vielem ausgeschlossen und unter anderem hatte er bei seinem Tempelbesuch nur jene Stellen besuchen dürfen, die auch Frauen zugänglich waren. Für mich eine Schwachstelle im Judentum, doch sollte man von der Kanzel herab keine andere Religion schlecht machen. Stattdessen erschien es mir reizvoller, etwas über die Diakone zu erzählen (wo ich dann auch meinen Namensvetter erwähnen könnte) und dabei die Diakonie zu präsentieren.

Nun also war es soweit. Für die Ferienzeit waren erfreulich viele Leute im Gottesdienst. Die Liturgie verlief planmäßig. Soeben hatte ich den Predigttext verlesen, als mir ein neues und dennoch bekanntes Gesicht in der Gemeinde auffiel. Da saß er mitten unter den Gottesdienstbesuchern: Der Chalupka! Genauer Pfarrer Mag. Michael Chalupka, damals der Direktor eben jener Diakonie, über die ich etwas erzählen wollte.

„Das kannst du dir sparen“ schoss es mir durch den Kopf, denn er wäre der weitaus berufenere, darüber zu sprechen. Der macht aber möglicherweise hier Urlaub und will vielleicht unerkannt bleiben. Ich beschloss, das Thema „Diakonie“ besser nur kursorisch zu streifen. Schon schlimm genug, wenn ein Laie vor einem gestandenen Pfarrer und Theologen predigt, da muss man nicht auch noch in den „Infight“ gehen.

Ich ließ mir also nichts anmerken, zog meine Predigt planmäßig durch und die improvisierte kleine Kürzung dürfte niemand bemerkt haben. Am Ende des Gottesdiensts wollte ich mich wie üblich vor der Kirche von allen Besuchern per Handschlag verabschieden und erst dort hätte ich ihn als Diakonie-Direktor angesprochen, doch er kam nicht. Kein Wunder, unsere Kuratorin hatte ihn schon erkannt und damit war das Ende seines „Inkognitos“ bei unserem Sonntagsgottesdienst besiegelt.

© Nikolaus-Gronau