Posted at Sea by Sr. M. Nicodema aus NY

Wir waren ein evangelischer Haushalt im Münsterland und in meiner Jugend war das im täglichen Leben wichtig, zumal ja damals noch die Kirchen am Sonntag richtiggehend voll waren. Pflichtschulen, Kindergärten, Krankenhäuser, ja sogar die Buchhandlungen und Lokalzeitungen waren konfessionell. Umso erstaunlicher muss es wohl gewesen sein, dass wir im Oktober 1954 eine katholische Ordensfrau beherbergten. „Sister M. Nicodema“ aus New York.

Der Großvater mütterlicherseits, war katholisch, doch wohl eher ein Agnostiker. Er hatte jedoch eine jüngere Schwester, die in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts Franziskanerin geworden war. Vermutlich erst, nachdem sie in die Vereinigten Staaten ausgewandert war, denn sie nahm den Ordensnamen M. Nicodema (also mit der amerikanischen Schreibweise) an. Das vorgestellte „M“. haben alle Schwestern ihres Ordens. Es wird zu Ehren Mariens geführt.

Im Jahr 1966 besuchte sie uns wieder. Diesmal per Flugzeug. Ich war damals amüsiert , dass der Nikodemus aus dem Johannesevangelium in ihrem Namen ein weiblichen Pendant gefunden hatte, doch war die Tante Gertrud in ihrer Tracht viel zu ehrfurchtgebietend, als das ich sie als Teenager damit hätte behelligen wollen. Sie bekam mein Zimmer und ich hielt es für geraten, noch vorher mein Che Guevara Plakat abzunehmen. „Tante Gertrud“, wie wir sie nannten, wirkte im New Yorker St. Francis Hospital, im Stadtteil Bronx und war für die Apotheke zuständig. Aufgrund ihres Auftretens glaube ich gern, dass sie dort hochangesehen war. Sie sprach mit lauter, tiefer Stimme und bei uns sogar in fließendem Deutsch, allerdings, mit jenem unverwechselbaren, um nicht zu sagen „grauslichen“ amerikanischen Akzent.

Meine Eltern bemühten sich, ihr alle Wünsche zu erfüllen, auch wenn sie noch so katholisch waren: Mein Vater brachte sie mit dem Auto zu niederrheinischen Marienwallfahrtsort Kevelaer, wo sie die Basilika und die Gnadenkapelle besuchte. Vor ihrem Rückflug äußerte sie den Wunsch zu beichten, bat jedoch um einen englischsprachigen Priester. Auch das ließ sich einrichten: Sie wurde in ein nahegelegenes Kloster gebracht. Es dauerte auch gar nicht lang bis sie wieder aus der Kirche kam. Lachend erzählte sie meiner Mutter, dass ihr erst mitten in der Beichte aufgefallen sei, wie sie immer noch deutsch sprach. Der Geistliche wird sich wohl nicht wenig gewundert haben, doch dürften die vorgebrachten Verfehlungen auch nur wenig herausfordernd gewesen sein.

Das war ihr zweiter und letzter Besuch in Europa gewesen. Ihr erster Besuch war jener im Jahr 1954 und ich habe noch eine Postkarte, abgestempelt mit „Paquedboat / Posted at Sea“ von der SS Nieuw Amsterdam der Holland America Line, ein Gigant mit 36.000 BRT. Die Tante Gertrud bedankte sich darin bei meinen Eltern und bat, man möge für sie nochmals uns Kinder, vor allem jedoch „Klein Kläuschen“ drücken. Auch wenn es heute kaum mehr vorstellbar erscheint: Damit war ich gemeint.

© Nikolaus-Gronau