„Pustefix“ im Wirtschaftswunder

Nach Dortmund im Dampfzug. Wir saßen in einem preußischen Abteilwagen. Soeben hatte der Schaffner zur Fahrkartenkontrolle die Abteiltür von außen geöffnet. Auch wenn ich dies alles faszinierend fand, war ich nach Dülmen eingenickt. Jetzt weckte mich die Mutter. Es war dunkel geworden. „Boaah!“ Wir fuhren in die Großstadt hinein, an einer dunkelrot glühenden Feuerwand vorbei, die soeben umstürzte. „Da macht man Koks“ erklärte die Mutter. Ich war wieder hellwach.

Auf dem Bahnsteig stand schon die Tante. Am Bahnhofsvorplatz wartete der Onkel, stolzer Besitzer eines 4-sitzigen Fiat Topolino. Wir mussten nicht weit und ich konnte mich nicht sattsehen an den vielen Lichtern, den Ampeln und vor allem den bunten Neonreklamen. Die deutsche Wirtschaft brummte und alle glaubten daran, dass man nur fest zuzupacken brauchte, und schon hätte man ein eigenes Haus und Auto. Onkel und Tante waren sogar schon in den Urlaub nach Italien gefahren. Zunächst noch mit der Vespa, doch mittlerweile mit dem Auto.

Die Wohnung lag in der Nähe des Zentrums. Keine alten Möbel wie bei uns daheim, sondern Onkel und Tante waren durchwegs modern eingerichtet. Ich war schwer beeindruckt und besonders gefielen mir die Urlaubs-Souvenirs. Wir hatten zwar alles, was wir brauchten, doch während Onkel und Tante kinderlos waren, waren wir daheim zu fünft und als jüngster von drei Buben litt ich bisweilen darunter, dass ich oft das abgelegte Gewand und die Schuhe meiner älteren Brüder bekam. Später dann, als ich zur Schule ging, habe ich erfahren, dass es den meisten Kindern in meiner Klasse trotz Wirtschaftswunder wesentlich schlechter ging. Bei uns im Heimatort gab es besonders viele Flüchtlinge und Vertriebene und die ortsbeherrschende Textilindustrie bot damals noch ihnen allen eine bescheidenes, aber gesichertes Einkommen.

Da Onkel und Tante am Folgetag arbeiten gingen, machten sich meine Mutter mit mir auf ins Zentrum. Toll, so viele Leute, die geschäftig herumflitzten. Kaufhäuser und alle mit Rolltreppen! Ein Spielwarengeschäft mit zwei Etagen! Ich bekam mein erstes „Pustefix“ und war von all dem begeistert. Und von überall hörte man die Glocken der Registrierkassen. Hier pulsierte machtvoll der Konsum.

Im Zentrum aber gab es auch ausgebombte Geschäfte sowie Ruinen- und Trümmergrundstücke. Mühsam kaschiert, doch man arbeitete daran, diese rasch durch Modernes auszutauschen. Mit wachsenden Wohlstand ist dabei vieles ebenso verloren gegangen, wie man die sachgerechte Aufarbeitung der eigenen Geschichte ebenfalls nur allzu oft für verzichtbar hielt.

Im Kindergartenalter durfte ich noch unkritisch an dieser Wachstumseuphorie des Wirtschaftswunders teilhaben, doch schon 12 Jahre später fühlten sich die ersten meiner Generation von den Versäumnissen vieler unserer Eltern eingeholt. Mit dem Erfolg des sog. 68er Protests war ich zwar nicht zufrieden, doch ist er rückblickend eine für mich unverzichtbare Erfahrung geblieben.

© Nikolaus-Gronau