"Quäle nie ein Tier zum Scherz …"

Was heißt hier „Quälen“? Ich hatte das Tierchen mit meiner Rechten spontan zerdrückt und mich der sterblichen Überreste am Hosenbein entledigt. Alles gleichsam reflektorisch und absolut unbedacht. Alles hatte sich im großen Lehrsaal des Bildungshauses St. Virgil in Salzburg abgespielt. Es war sommerlich warm und deshalb waren die Fenster bei der abendlichen Vorlesung geöffnet worden. Eine angenehm leichte Brise durchwehte sanft den Raum. Wir, die Hörer, waren Teilnehmer am Master-Lehrgang für „Spirituelle Theologie im interkulturellen Vergleich“ der Uni Salzburg und da waren Männer und Frauen aus allen möglichen Religionen.

Mit beginnender Dämmerung war das Licht eingeschaltet worden und so kamen bald die ersten Insekten herein. Ein wahrscheinschlich besonders unerfahrenes Exemplar hatte meine Nase umflogen. Mit einer geübten Handbewegung fing ich reflektorisch den kleinen Störenfried und hatte ihn achtlos der Geschichte überantwortet.

Kaum war dies geschehen, sah ich das Entsetzen im Gesicht der mir gegenüber sitzenden Kollegin. Um Gottes Willen! Was hatte ich getan? Mein Gegenüber war die Yasmina, eine Buddhistin. Schlagartig war mir klar geworden, dass ich in ihren Augen soeben mit großer Wahrscheinlichkeit eine ihrer Seelenverwandten umgebracht hatte – womöglich sogar ihre Tante! Ich bereute meine Tat zutiefst, aber nun war es eben zu spät und nicht mehr wieder gutzumachen. Wie unbedacht und rücksichtlos von mir! Es tat mir aufrichtig leid – zugegeben weniger wegen der kleinen, nun zerdrückt am Boden liegenden Mücke, als vielmehr deshalb, weil ich so unbedacht die Gefühle einer lieben Kollegin verletzt hatte.

Wir arbeiteten daran. Nicht nur ich an mir, sondern auch sie und brachten es schließlich sogar so weit, dass wir beide in einer Übung in weniger als zwei Stunden ein christlich-buddhistisches Vaterunser zuwege brachten. So sah unser Ergebnis aus:

„Großes Geheimnis, welches Welt und Wirklichkeit durchweht, dich achten wir mit Würde und Respekt. - Wir versuchen, so viel wie möglich von dir zu begreifen. - Zeige uns allen, Wege zu diesem Ziel und hilf uns dabei, dir zu begegnen an allen Orten und in allen Lebenslagen. - Versorge uns mit allem, was wir auf diesen Wegen brauchen. - Zeige uns Möglichkeiten, all unsere Fehler wieder gut zu machen. - Lehre uns zu erkennen, was nicht nur uns, sondern allen Menschen hilfreich und angemessen ist. - Hilf uns, uns selbst zu überwinden und auch dann liebevoll zu handeln, wenn es uns schwer fällt. - Denn so wachsen wir trotz aller Rückschläge im Vertrauen auf unsere Kraft und auf deine geheimnisvolle, stärkende Hilfe. - So soll und wird es sein.“

Einzig Leidtragende dieser Geschichte blieb somit die kleine Mücke: Wünschen wir ihr eine höhere und gelingende weitere Inkarnation! Vielleicht aber ist sie inzwischen schon am Ziel ihrer Bestimmung angelangt.

© Nikolaus-Gronau