Russisch-Böhmisches aus Stockholms Schären

Wir, eine internationale Gruppe von Bildungsstatistikern bei der OECD, waren 1992 auf Einladung der Schwedischen Regierung in Stockholm. Man hatte uns in den Schären auf Fågelbrolandet untergebracht. Den ganzen Tag über hatten wir gearbeitet und nun, am Abend, waren wir mit einem Ausflugsboot in der Inselwelt unterwegs zum abendlichen Empfang nach Saltsjöbaden. Es war Mitsommer und für schwedische Verhältnisse mit 24° ausgesprochen warm. Wir alle standen draußen an Deck.

„Da schaut’s rüber, da liegt ein U-Boot!“. Tatsächlich. „Keine Sorge, es ist ein Schwede!“ Die Sorge wäre nicht unbegründet gewesen, denn in der Endphase des kalten Krieges gab es immer wieder Gerüchte über angeblich russische U-Boote in den Schären Stockholms. Nun waren zwar Perestroika und Glasnost angesagt – aber man kann ja nie wissen.

Bald wurde das Thema gewechselt. Nun ging es darum, wer die Schiffsschraube erfunden habe. Die Gastgeber meinten es sei der schwedische Ingenieur Johan Ericsson und der Brite behaupteten ein Sir Francis Pettit Smith aus Kent sei es gewesen und der Kollege aus Frankreich nannte seinen Landsmann aus Nantes, einen gewissen Alexis-Jean-Pierre Paucton. Allerhöchste Zeit also, einen Österreicher ins Spiel zu bringen. „Ich nenne den böhmisch-österreichischen Forstbeamten Johann Ressel. Der Prototyp seines Antriebs war ihm allerdings beim Probelauf in Triest um die Ohren geflogen.“

Rundherum Schweigen. Die Kollegen wussten, dass in der Regel hinter meinen bisweilen merkwürdigen Kommentaren mehr steckte. Dennoch meinte die Dänin lachend: „Jaja, die Österreicher. Ein Förster in den Bergen erfindet dort im Wald sogar die Schiffsschraube.“ Schade, jetzt hätte ich zu gerne als Nachweis den alten österreichischen 500-Schilling-Schein (Titelbild) vorgezeigt, doch der war kurze Zeit vorher aus dem Verkehr gezogen worden. Aber wer weiß, was es genützt hätte. Womöglich hätte ihn sich die Dänin angeschaut und ausgerufen „Freunde, das ist ja unglaublich! Die haben seine Geschichte sogar auf ihrem Geld abgedruckt!“

Ich sagte daher „Tja, Freunde, so werden Alt-Österreicher bis heute um ihren wohlverdienten Ruhm gebracht“ und ich dachte dabei nicht nur an Ressels Schiffsschraube, sondern auch an Teslars Wechselstrom, Negrellis Suez-Kanal, Maderspergers Nähmaschine, Mitterhofers Schreibmaschine, Lise Meitners Betrag zur Kernphysik etc. etc. Ich ließ es aber dabei bewenden. Statistiker sind manchmal eben doch Banausen!

Die Begrüßung beim abendlichen Empfang erfolgte übrigens auf Russisch. Der Redner machte die Sache gut, doch war er der einzige der Russisch sprechen konnte und natürlich auch der einzige, der es verstand. In seiner englischen Einleitung meinte er entschuldigend, dass bei unserer Gruppe nur auf diese Weise jegliche sprachliche Diskriminierung ausgeschlossen werden könne. Seinem abschließendem “Spasibo bol'shoye“ folgte ein langdauernder, kollektiv frenetischer Applaus.

© Nikolaus-Gronau