Schneller als der Sputnik

Ich komme schon – und bin schneller als der Sputnik!“ sagte der Kellner zu mir, als er mein Essen brachte. Es war 1958, ich war 6 Jahre alt und es war meine erste größere Reise: Meine beiden Brüder und die Mutter hatten den Vater auf einer Geschäftsreise aus Norddeutschland nach Österreich begleitet. Alles war aufregend. Direkt am Mondsee hatten wir ein Restaurant aufgesucht und unser Mittagessen bestellt. Als Jüngster hatte ich still zu weinen begonnen, weil ich als letzter am Tisch noch immer nichts bekommen hatte. Der Kellner erkannte meinen Jammer und war losgeflitzt, um mir in meiner Not abzuhelfen.

„Hattet ihr damals schon ein Auto?“ fragte mein Ältester. Hatten wir nicht. Vielmehr gab es in der Firma, in der mein Vater tätig war, einen Opel, Model „Olympia Rekord“ und mit dem waren wir unterwegs.

„Sputnik – 1957, nicht schlecht! und was war damals sonst noch in der Welt los?“ Nun, ich war als Kind erschüttert, als ich mir in einer Illustrierten die gezeichnete Reportage vom rätselhaften Untergang des Lastseglers „Pamir“ im Atlantik angeschaut hatte. Wie ich jetzt allerdings darüber sprach, war ich mir nicht sicher, ob man den Begriff „Illustrierte“ immer noch verwendet, klingt er doch ähnlich antiquiert wie „Rundfunk“. Auch deutete beispielsweise ein Name wie „BUNTE“, darauf hin, dass es sich anscheinend im Gegensatz zu anderen Blättern um ein im Farbdruck hergestelltes Druckwerk handelte. Eine versunkene Welt mit Pferdefuhrwerken, Segelschiffen, Milchgeschäften, Dampflokomotiven etc. tat sich vor mir auf. „Doch, Papa, man sagt immer noch „Illustrierte“ und die „BUNTE“ gibt’s immer noch“.

Ich war beruhigt und fühlte mich nach ersten Zweifeln wieder „auf der Höhe der Zeit“, unterdrückte aber meine sich aufdrängenden Primärerfahrungen vom Weltraumflug eines Juri Gagarin (1961), der Kuba-Krise (1962), dem Wembley-Tor (1966) oder der Mondlandung (1969) und ließ auch meine Enttäuschung über die Niederschlagung des Prager Frühlings (1968) und meinen Protest gegen Vietnamkrieg (bis 1975) und Nato-Doppelbeschluss (1979) unerwähnt. Aber es war wahr. Wäre ich ein Globus, so wäre ich hier und jetzt nicht mehr so recht zu verwenden, sollte meinen Platz für Jüngere räumen und mir einen Aufstellungsort im Globenmuseum der Nationalbibliothek sichern.

Um ganz sicher zu gehen ergänzte ich „Tja, aber bei Amundsens Eroberung des Südpols war ich noch nicht auf der Welt.“ „Du übertreibst, Papa, das war 1911!“

© Nikolaus-Gronau