Sterben in Gottes Hand

Ohne erkennbare Ursache war ich in der Nacht auf den 31. März 2010 um ca 3:00 wach geworden. Alles um mich herum war still, meine Frau schlief friedlich und ich bin daher geräuschlos aufgestanden. Dann aber, bei meiner Runde durch die Wiener Wohnung, überfiel mich plötzlich ein Schüttelfrost, üblicherweise ein Indikator für eine Infektion.

Als ich schließlich zitternd, zähneklappernd, heftig atmend und mit Sorgen um meine Gesundheit wieder ins Bett gefunden hatte, drängte sich mir die Vorstellung auf, dass in den biblischen Überlieferungen die Momente einer Gottesnähe doch vielfach anscheinend mit ähnlichen körperlichen und seelischen Begleiterscheinungen verbunden waren. Offensichtlich ist das die Erklärung dafür, weshalb die diensthabenden Engel die betroffenen Menschen üblicherweise mit den Worten „Fürchtet Euch nicht!“ begrüßen. Auch habe ich mal gehört, dass das angeblich gezählte 365 Mal in der Bibel vorkommen soll (ob mit oder ohne Apokryphen weiß ich nicht). Es sollte also in der Regel innerhalb eines Jahres für täglich eine Begegnung ausreichen. Nachgezählt hab ich nie – und ist ja auch egal.

Während ich nun schnatternd zweifelte, ob ich aufgrund meiner chronisch leicht angeschlagenen Gesundheit (die einzige Krankheit die ich nicht habe heißt „Hypochondrie“) wohl jemals in der Lage wäre, eine solche Erscheinung zu überleben, reifte gleichzeitig die Überzeugung, dass ich, selbst wenn ich in einer solchen Situation stürbe, doch praktisch in Gottes Hand sterben dürfte und daher wohl nicht allzu tief fallen könnt (nicht meine Idee: Nachzulesen im ev. Gesangbuch Nr. 533). Und in dieser sich stringent aufdrängenden Überzeugung und der dabei spürbaren, sehr tiefen Ruhe fand ich schnell wieder zu der gewohnten Entspannung will sagen, dass alle Symptome rasch verschwanden. Ich schloss die Augen, genoss die wiedergefundene Wärme meines Bettes und die gefühlte Nähe meiner lieben Frau und war wieder eingeschlafen.

Objektiv betrachtet (also in der kühlen Nüchternheit des neuen Tages) waren die wenige Stunden zuvor erlebten Symptome natürlich weit von einem lebensbedrohlichen Zustand entfernt und dennoch wäre es mir in der Nacht erlebnismäßig geradezu egal gewesen, ob ich nun weiterleben gedurft hätte, oder „in Gottes Hand“ gestorben wäre. Ob ich dieser Nacht tatsächlich einen solchen Zustand der Gottesnähe erlebt und überlebt habe oder nicht, vermag ich nicht zu sagen.

Bei Tageslicht betrachtet sieht die Welt jedenfalls freilich ganz anders aus: Ich hatte in der Nacht Schüttelfrost – und das war’s! Am darauffolgenden Morgen stellte ich beim Morgentraining (30 min. am Fahrrad Ergometer) einen deutlich erhöhten Puls fest, ein typisches Indiz für eine Infektion, jedoch nicht so gravierend, als dass ich hierdurch in meiner Arbeitsfähigkeit eingeschränkt wäre. Also: Alles im grünen Bereich!

© Nikolaus-Gronau