„Und ich sah einen neuen Himmel …"

Was war geschehen? Ach, ja, Herzoperation. Über dem noch formlos daliegenden Tohuwabohu blitzten erste Geistesfunken. Bin ich das eigentlich, der das wahrnimmt? Langsam wurde mir klar, dass dieser Prozess jetzt exklusiv mir gehörte. Hier gab es keine Alternative, keine Hintertür und nirgendwo einen geheimen Regisseur oder Spielleiter, der mich aus der Handlung hätte nehmen können.

Ich fühlte einen kontinuierlichen Schrumpfungsprozess. Weder angenehm noch unangenehm. Ein klarer Hinweis darauf, dass ich nur noch geringe Zeit zu leben hätte, bzw. ich in medizinischer Hinsicht vielleicht schon verstorben war und sich meine Seele langsam von meiner Physis trennt. Ich dachte an meine Lieben und mich erfüllte eine große Traurigkeit. Gleichzeitig fühlte ich, dass mir bereits die körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten für Trauer nicht mehr zur Verfügung standen: Anscheinend hatte bereits eine gleichsam synthetische Geistigkeit begonnen, die bislang gewohnte Einheit von Körper und Geist abzulösen.

Als Christ hatte ich mir eine helfende Hand des Glaubens erwartet, doch nun gab es anscheinend nichts. Kein erkennbares Zeichen, dass das, was immer von mir der Ewigkeit überantwortet würde, in den Zustand der Gottesnähe käme und mir so eine tiefe Ruhe in Gott vergönnt wäre. Eben noch spürte ich eine tiefe Enttäuschung darüber, dass meine Hoffnungen ebenso an Substanz verloren, doch nun begann also auch mein Geist substanzlos zu werden.

Wenn nun aber absolut nichts bliebe, so denn doch auch nichts – also weder Körper noch Geist, weder Subjekt noch Objekt – was es zu betrauern gäbe. Ich erinnerte mich daran, dass dieser Zustand in der fernöstlichen Philosophie als höchste Vollendung des Daseins begriffen wird: Nicht nur, dass der Tod jeglichen Schrecken verloren hat, sondern auch jegliches Leiden – ob im irdischen Dasein oder wo auch immer wird bedeutungslos, sobald es schlichtweg überhaupt kein „Wo“, Was“ und „für Wen“ usw. mehr gibt.

Erstaunlich nur, dass ich diesen Zustand nun so schnell erreicht haben sollte. Sollte es etwa so sein dass die angeblich notwendige, fast endlose Reihe von mehr oder weniger erfolgreichen Inkarnationen gar nicht so wichtig ist? Ist es vielleicht so, dass der Mensch, wenn sonst „alles passt“, nach nur einem einzigen halbwegs gelungenen Leben zur vollendeten Form des „Nicht mehr Daseins“ durchgewinkt werden kann? Durchaus gefasst ließ ich alles geschehen und rechnete damit, auf der anderen Seite ins absolute Nichts abzutauchen.

„Hallo, Aufwachen! – Alles ist gu-hut!“ Hmm! - Anscheinend hatte ich den Sprung in eine Parallelwelt vollzogen. Sie sah genauso aus, wie die Alte. Einziger Unterschied: Hier durfte ich weiterleben. In der alten war ich gestorben. - Doch halt! Die Wirklichkeit tickt doch eigentlich viel einfacher und normal tickende Zeitgenossen kommen im Alltag ohne Parallelwelten aus. Mir wurde klar: Hurra, ich bin wieder da - Gott sei Dank!

© Nikolaus-Gronau