Vertigo

Vertigo: Nein, nicht der Hitchcock-Filmklassiker aus dem Jahr 1958 mit James Stuart und Kim Novak, sondern ein Text zum Umgang mit meiner Höhenangst. In meiner aktiven Zeit hatte ich mehrfach bei der OECD in Paris zu tun. Tagungsort war in der Regel das Chateau de la Muette im 16. Bezirk und nach einem Sitzungstag bin ich gern durch die Stadt in Richtung Trocadero zum Eiffelturm gegangen, um auf andere Gedanken zu kommen. Wenn es noch hell genug war, nahm ich die Gelegenheit wahr, über den Stiegenaufgang bis zur ersten Galerie zu gelangen. Höher hinauf schaffte ich es zu Fuß nicht. Warum?

Noch als junger Mann hatte ich nie Probleme mit der Höhe gehabt. Wie andere Kinder war ich gern auf Bäume geklettert und war fasziniert von der Aussicht aus der Höhe. Noch im Jahr 1977 habe ich beim Schwager im Waldviertel beim Abbruch des Dachstuhls geholfen. Wenige Jahre später half ich dem Nachbarn bei der Arbeit im Kuhstall: So wie schon des Öfteren zuvor stieg ich in den etwa 10 Meter hohen Silo, um Silage heraus zu hacken und durch die Luke hinabzuwerfen. Dann jedoch, als ich wieder hinabsteigen wollte, bin ich auf der Leiter „klebengeblieben“. Unter Aufbietung aller geistigen Kräfte gelang es mir, mich wieder zurück in den Silo zu schwingen. Ich atmete tief durch und spielte dann in Gedanken alle Details durch, die erforderlich waren, um unversehrt wieder auf den Boden zu gelangen. Schon rief der Nachbar hinauf, ob bei mir alles in Ordnung sei. Ich bekannte ihm meine unerwartet aufgetretene Angstattacke und mithilfe seines Zuspruchs schaffte ich es wieder, nach unten zu kommen.

Nun war ich gewarnt und seitdem ließ ich keine Gelegenheit aus, mich im Sinne einer Desensibilisierung in kontrollierbarer Weise einer Höhe auszusetzen. Berge oder Flugzeuge waren nie ein Problem, sehr wohl aber hohe Gebäude und insbesondere schwingende Brücken. Bei Salzburg-Besuchen gehört nun etwa der Gang über den Müllnersteg zu meinem kleinen Übungsprogramm. Musste ich früher beispielsweise in Köln umsteigen, so bin ich, wenn genügend Zeit war, regelmäßig auf die Hohenzollernbrücke über den Rhein gegangen. Es ist dies eine direkt an den Bahnhof anschließende etwa 100 Jahre alte, riesige Stahlkonstruktion die trotz ihrer Masse bei jedem Zug der sie überfährt in Schwingungen versetzt wird.

Der Eiffelturm ist zwar auch eine Stahlkonstruktion und ist nur etwa 20 Jahre älter, schwingt jedoch nicht oder zumindest in nicht in einer wahrnehmbaren Größenordnung. Würde er wie der Müllnersteg schwingen, so hätte ich es kaum bis zur ersten Etage geschafft. So aber konnte ich nicht nur üben, meine Höhenangst zu kontrollieren, sondern sogar die wunderschöne Aussicht über Paris genießen. Für mich viel schöner, als die Aussicht von der obersten Spitze, die ich nur ein einziges Mal mit dem Aufzug und in Begleitung meiner Frau erreicht habe.

© Nikolaus-Gronau