Vom Urwald zum Nordpol – und zurück

Seit 2013 bin ich im Ruhestand und der Abschied aus meinem Beruf und den lieben Kollegen ist mir nicht leicht gefallen. Nicht zu Unrecht galt ich im Job als schrullig und eigenwillig, aber ich bin mit allen, also Kollegen und Vorgesetzten, gut ausgekommen. Natürlich wurde ich bei meiner Abschiedsfeier „auf die Schaufel genommen“ indem die Kollegen einige meiner seltsamen Eigenarten kommentierten. Unter anderem hieß es etwa, ich hätte meine Tochter zunächst in den Dschungel, dann in den hohen Norden und nun sogar nach Grönland geschickt.

Das war so natürlich nicht richtig, aber so ganz falsch war es auch nicht. Tatsache ist nämlich, dass die Tochter bereits in einer medizinischen Versorgungsstation am Rio Dulce in Guatemala arbeitete, als ihre Studienkollegen noch feierlich promoviert wurden. Für solche Dinge fand sie keine Zeit mehr. Keine Rede davon, dass ich sie geschickt hätte, sondern sie war freiwillig abgerauscht.

„Guatemala!“ Ich hoffe keine Vorurteile zu haben, aber was soll man von einem Land halten, das mit „Guat“ anfängt und mit „Mala“ (also „alles Schlechte“) aufhört. Wir, die (Gott-sei-Dank) daheimgebliebenen Eltern, waren sehr besorgt, vor allem als wir, die Koordinaten der Station bekommen hatten und uns über Satellitenbilder ein erstes Bild machen konnten: Ein paar Hütten am Flussufer und rundherum nur Urwald und keine Zufahrtstraßen. Praktisch alles wurde mit Booten erledigt und so betreute man die Maya-Siedlungen im Urwald. Sie hat aber alles erfolgreich überstanden und ist nach Monaten gesund wieder heimgekommen.

Kaum war sie zurück, reizte sie ein Angebot, nach Jütland (DK) zu gehen. So schnell haben wir garnicht sehen können und sie war wieder für längere Zeit weg, um in einem dänischen Spital zu arbeiten. Meine Frau und ich waren beruhigt, denn Dänemark ist ein sicheres hochentwickeltes Land. Sie lernte dort nicht nur dänisch, sondern auch viele Leute kennen und auch wir in Österreich wurden so mit Dänen bekannt und freundeten uns mit ihnen an. Endlich war sie auch von dort wieder heimgekehrt und arbeitete in Österreich. Irgendwie schön, wenn die Kinder nicht gar so weit weg sind, doch wir hatten uns zu früh gefreut.

Irgendjemand hatte ihr gesteckt, dass das Königin-Ingrid-Krankenhaus in Nuuk (Godthab) auf Grönland dringend Ärzte sucht. Unsere Tochter bewarb sich und als Antwort kam gleich ein Flugticket. Mehr hatte sie nicht gebraucht und schon war sie wieder weg. Diesmal jedoch gemeinsam mit ihrem Freund, der sich anscheinend ebenfalls leicht überreden ließ. Auch mich hatte es ein wenig gereizt, die Kinder „da oben“ zu besuchen und eine Besuchergruppe aus Norwegen hatte mich schon fast überredet, doch unbedingt zu ihr fahren. Daraus wurde aber dann doch nichts

Mittlerweile ist die Tochter wieder in Wien. Sie hat ihren Freund geheiratet und die beiden haben zwei Kinder. Das Leben bleibt also spannend und aufregend. Auch ohne Auslandstätigkeit der Kinder.

© Nikolaus-Gronau