W. A. Mozart: Ein Österreicher?

„Ah Tschaikowsky, her damit und schon hab ich alle Russen!“ jubelte einer der hinter mir sitzenden Burschen. Ich war in Wien lesend mit der Straßenbahn unterwegs, als mich dieser Satz aufhorchen ließ. Beim weiteren Zuhören kam ich rasch darauf, dass dort mit einem Komponisten-Quartett gespielt wurde. Das gefiel mir, denn auch ich hatte als Schüler gern mit Quartettkarten gespielt. Unsere Themen jedoch waren technischer Natur: Hochseeschiffe, Baufahrzeuge oder PKWs und es galt, mit entsprechenden Leistungsdaten die Konkurrenz zu übertrumpfen. Spielerisch ließ sich so recht zwanglos auch ohne Hintergrundinformation ein lexikalisches Wissen erwerben. So erfuhr ich beispielsweise erst später, dass der Hubraum herzlich wenig mit der Autohupe zu tun hat.

Wie aber sollten die Leistungsindikatoren bei Komponisten aussehen? Eben fiel der Name Dvorak. „Nie gehört“ sagte jemand. „Doch, das war ein Tschechoslowake“ meinte sein Freund. Au! Das tat mir weh, doch darum ging es in weiterer Folge gar nicht. Als Leistungsindikatoren wurden Sterbealter, Anzahl der Werke etc. verwendet. Freilich wäre es absurd gewesen, Antonin Dvorak als Tschechoslowaken zu bezeichnen. Ich konnte wenig später feststellen, dass die Quartette nicht nach fragwürdigen Nationalitäten, sondern nach Musikgattungen gebildet wurden. Den „Russischen Komponisten“ stand also so etwa die „Wiener Klassik“ gegenüber.

Doch wie sinnvoll könnte es eigentlich sein, die Hauptvertreter der „Wiener Klassik“ als Österreicher zu bezeichnen? Freilich haben sie in Wien mehr als nur Spuren hinterlassen. Dies gilt wohl vor allem für Ludwig van Beethoven. Geboren aber, geboren war er in Bonn. Oder nehmen wir W. A. Mozart: Als er in Salzburg geboren wurde, war dies ein selbständiges Fürsterzbistum, das nicht zur Habsburg-Monarchie gehörte. Und Joseph Haydn: Geboren war er im niederösterreichischen Rohrau hart am Leithagebirge, welches damals die Grenze zu Ungarn bildete und seine Hauptwirkungsstätte war das Schloss Esterhazy in jenem Teil Westungarns, das wir heute als Burgenland bezeichnen. Hätte man die drei nach ihrer Nationalität gefragt, so hätten sie möglicherweise die Frage überhaupt nicht verstanden. Wohl hätten alle gesagt, dass sie viel Wien arbeiten, doch niemand hätte gesagt „Ich bin Österreicher“

Klar ist jedoch, dass alle Drei in Wien zumindest zeitweise ihre Letzte Ruhestätte gefunden hatten. Von wirklicher „Ruhe“ kann aber keine Rede sein, weil alle in weiterer Folge umgebettet wurden. Besonders skurril erwies sich diese post-mortale Mobilität im Falle von Joseph Haydn, dessen Schädel nach einer denkwürdigen Odyssee erst im Jahr 1954 von der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde herausgerückt wurde: Er befindet sich jetzt in der Gruft seines ursprünglichen Besitzers bei der Eisenstädter Bergkirche

Ich hatte mein Buch sinnend beiseite gelegt. Jetzt aber musste ich umsteigen, wollte ich nicht zu spät ins Institut kommen.

© Nikolaus-Gronau