Washington 1987: Wien, Wein und Waldheim

Dulles International Airport. Ich hatte noch mehrere Stunden Zeit, denn die Maschine nach Schiphol sollte erst am Abend starten. Das Gepäck hatte ich schon eingecheckt und nach dem Herumstöbern in den Geschäften, habe ich mich auf einen Kaffee in ein Café gesetzt und gelesen. Plötzlich fragte mich jemand in typisch holländisch gefärbten Deutsch „Hallo, darf ich mich zu Dir setzen?“ „Na klar doch.“ Es war Sjaak Sandbergen vom niederländischen Bildungs- und Wissenschaftsministerium. Auch er hatte an der OECD-INES-Konferenz teilgenommen und wir hatten einander bislang kaum kennengelernt. Ich wollte auf Englisch mit ihm reden, doch meinte er, dass er auch ganz gern deutsch spreche.

Schon während der Konferenz hatten wir festgestellt, dass uns ein gemeinsames Interesse an dem dänischen Statistiker Georg Rasch verband, der ein mathematisch-psychologisches Modell entwickelt hatte. Ich hatte meine Dissertation über eine Spezialanwendung dieses Modells geschrieben und Sjaak hatte sogar schon über Rasch publiziert. Nach so viel Statistik bei der Konferenz, schien dieses Thema für uns beide aber wenig reizvoll.

Sjaak sprach mich vielmehr auf den damals neu gewählten Bundespräsiden, Dr. Kurt Waldheim an. Nein, ich war keineswegs grantig, sondern gab mit Bedauern zum Ausdruck, dass nun leider die Zeit vorbei sei, da Österreich wegen seines Wein-Skandals internationales Aufsehen erregt hatte. Darüber konnte man wenigstens noch Witze machen. Sjaak stimmte zu und meinte, der Kern des aktuellen Problems sei, dass es sich das Nachkriegs-Österreich in seiner Rolle als erstes Opfer des NS-Staates zu schnell bequem gemacht habe. Hierdurch sei eine Gelegenheit verpasst worden, das wahre Ausmaß einer Mittäterschaft zu erkennen und aufzuarbeiten. Auch ich war der Auffassung, dass da in der Tat immer noch viel zu tun war – ergänzte dann aber, dass ich als damals noch deutscher Staatsbürger, ihn gar nicht hätte wählen können. Von „meinem Bundespräsidenten“ konnte also keine Rede sein. Vielmehr war ich in Sachen Waldheim in einer ähnlichen Rolle wie er, wenn beispielsweise das Haus Oranien wegen der Gerüchte um angebliche Lockheed-Schmiergeldzahlungen an Prins Bernhard ins Gerede gekommen war. Niemanden würde einfallen, ihn, Sjaak, für mögliche Verfehlungen im Niederländischen Königshaus verantwortlich zu machen. Sjaak lachte und fand den Vergleich durchaus zutreffend.

Wir einigten uns darauf, dass sich aber jedenfalls das internationale Ansehen Österreichs mit einer Monarchie anstelle eines Bundespräsidenten verbessern ließe. Vor allem die Tourismuswirtschaft erhielte so einen zusätzlichen Impuls, wenn etwa der Kaiser in Schönbrunn Generalaudienzen abhielte. In der weiteren Folge flossen zwanglos Ideen zu weitergehenden Möglichkeiten. Die Regenbogenpresse hätte eine wahre Freude gehabt. Dennoch wurden unsere Gedanken nirgendwo aufgegriffen oder weiterfolgt.

© Nikolaus-Gronau