Wie frei sind wir schon im Binnenmarkt?

Nach meinem Abitur waren unendlich lange Ferien angesagt. Gemeinsam mit den Eltern wollte ich nach Österreich übersiedeln und das Wintersemester an der Uni Wien sollte erst mit Oktober 1971 beginnen. Ich hatte geplant, noch vorher eine große Balkan Reise zu machen und weil meine Reisekasse äußerst schwach bestückt war, suchte ich mir einen Job.

Als Abiturient sollte das ja kein Problem sein. Ich glaubte problemlos irgendwo in der Verwaltung eines Unternehmens etwas zu bekommen. Das jedoch erwies sich keineswegs als so einfach, wie ich angenommen hatte. Kurzum: Ich bekam bald bei meiner Arbeitssuche nur einen Job als Möbelpacker in der Auslieferung eines Möbelhauses angeboten . Die Bezahlung aber war recht ansehnlich und so verbrachte ich die nächsten Wochen gemeinsam mit menschlichen und unter richtigen Kleiderschränken.

Mit dem Möbelwagen unterwegs lernte ich nicht nur mein Münsterland geographisch besser kennen, sondern auch seine Leute und die waren weitaus vielfältiger, als ich das bisher in der behüteten Atmosphäre meiner Heimatstadt hatte erahnen konnte. Erst jetzt, kurz vor meinem, wie sich später herausstellte, endgültigen Abschied wurde mir klar, wie sehr ich hier Land und Leute mit all ihren Merkwürdigkeiten liebte und diese Beziehung wurde in diesen letzten Wochen sogar noch intensiver und ist mir bis heute in Restbeständen erhalten geblieben.

Tatsächlich bin ich also nach meinem Studium in Wien in Österreich geblieben und irgendwie gab es ja auch hier etwas ganz Besonderes. Nein, ich meine nun nicht so sehr die wunderschöne Landschaft und seine liebenswerten Bewohner, sondern die weitverbreitete pittoreske Kleinkariertheit im Denken und Handeln. Eine Mentalität, die aber dennoch und immer wieder auch Überraschendes hervorzubringen in der Lage ist. Und das nicht erst seit heute, sondern es war ein anderer Wahlösterreicher, nämlich Friedrich Hebbel, der 1848 nach der Revolution und Aufhebung der Zensur eine neue Zeit anbrechen sah. Damals dichtete er voller Hoffnung und Zuversicht „Dies Österreich ist eine kleine Welt In der die große ihre Probe hält". Bis vor wenigen Jahren stand auf Seite 1 der österreichischen Tageszeitung „Die Presse“ der stolze Vermerk „Frei seit 1848“. In einem Leserbrief habe ich am 24. September 2013 erfolglos gegen die Streichung protestiert.

Meine eigene Familie konnte in den vergangenen Jahrhunderten bereits beweisen, dass wir immer und überall daheim sein können. Dazu bedarf es allerdings freier Menschen und eines freien gerechten Zugangs zu allen Möglichkeiten, die sich ihnen bieten. Konkret geht es jetzt um die 4 Freiheiten des Europäischen Binnenmarkts: Freier Verkehr von Waren, Personen, Dienstleistungen und Kapital. Stefan Zweig meinte wehmütig in seiner „Welt von gestern“, dass diese Welt eines Friedrich Hebbel im letzten Jahrhundert verspielt worden ist. Passen wir auf, dass uns das nicht noch einmal passiert.

© Nikolaus-Gronau