Erstbesteigung

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Erstbesteigung | story.one

Ich habe im Vorfeld viel darüber nachgedacht, wie das Basecamp Leben denn sein wird. Kalt, einsam, mühsam, eng und beschwerlich - das waren die Adjektive in meiner Vorstellung, die mir zum Basecamp einfielen.

Nun waren wir schon einige Tage hier in unserem selbstgebauten, kleinen Dorf ca. 3.200m. Ich war körperlich erschöpft und spürte immer noch die Höhe. Aber ich genoss die Einsamkeit und Ruhe.

Seit unsere Ankunft hatten wir kein Flugzeug mehr gesehen. Wir hatten keinen Handyempfang, unsere einzige Verbindung zur Außenwelt war unser Satellitentelefon.

Unser „Dorf“ bestand aus drei Schlafzelten, einem Materialzelt und unserem großen Küchenzelt. Es gab einen Gletscherbach direkt vor unserer Haustür. Edelweiß wuchsen ein paar Meter von unserer Wasch-Stelle entfernt.

Es war ruhig, einsam und wunderschön!

Ja, das Leben draußen, ganz ohne schützende vier Wände, war anders als ich es gewöhnt war. Doch ich vermisste die Bequemlichkeiten nicht. Ich hatte auf einmal so viel Zeit, ohne Handy, Serien, oder künstlichem Licht.

Wir planten Touren, lasen und spielten stundenlang Karten. Wir hatten Zeit zu reden und einfach nachzudenken.

Jeden Tag in der Früh genoss ich die Minuten nach dem Aufwachen mit dem Blick auf die einsamen Berge. Der Moment bevor ich raus in die Kälte musste; das war mein Lieblingsmoment des Tages.

Das Jiptik Valley, im Süden von Kirgisistan, ist ein Fleck Erde, der noch nicht viele Menschen gesehen hat. Einige der Berge um uns herum unbestiegen.

Es gab einen Berg gleich neben unserem Basecamp, der uns besonders in seinen Bann zog. Das „Rote Labyrinth“, so nannten wir diesen schroffen Riesen.

Tagelang hatten wir uns Wege und Routen überlegt, den Berg bewundert. Nun wollten wir auch am Gipfel stehen. Ich hatte wirklich Respekt vor unserem Plan.

Tagwache war um 3:20 Uhr. Es war eiskalt, dunkel und windig, als wir loszogen.

„Nach 3 Stunden hatten wir 1000 Höhenmeter geschafft und erblickten die ersten Sonnenstrahlen des Tages. Im Windschatten des Felsens, ganz an die Wand gepresst, machten wir eine kurze Aufwärm- und Esspause. Nun begann der lange Weg am Grat entlang.“ (Auszug aus meinem Expeditionstagebuch)

Der Ausblick war atemberaubend, doch wir waren zu konzentriert um ihn wirklich genießen zu können. Wir mussten kurze Kletterpassage bewältigen. Der Schnee half uns beim Vorwärtskommen. Doch er war auch trügerisch, denn ein Schritt zu weit rechts und die Schneewächte würde abbrechen.

Wir waren seit 8 Stunden in unserer Tour. Ich war angespannt. Selten war ich so im Hier und Jetzt, wie bei dieser Tour. Und dann war er da, der Gipfel (4690m).

Das Basecamp lag unendlich weit unter uns. Wir hatten es wirklich geschafft. Wir haben das Rote Labyrinth erstbestiegen.

Nun sind wir seit fast einem Jahr zurück von unserer Expedition. Mir fehlt die Ruhe und Einfachheit, die wir im Basecamp hatten. Ich lasse mich ablenken vom Alltagstrott. Doch ich weiß: Ich brauche nicht viel um glücklich zu sein.

© Nina Poxleitner 02.05.2020