Alte Tränen - Ein Brief an Louis

Lieber Louis!

Ich bin alt geworden. Sehr alt sogar. Heute werden es 90 Jahre. Zu den Feierlichkeiten in den nächsten Tagen erwarte ich Familienmitglieder mit ihren Kindern und deren Kindern und wiederum deren Kindern. Den heutigen Tag wollte ich allein und selig mit einer Tasse Tee und ein paar letzten Weihnachtskeksen ausklingen lassen, doch da stieß ich beim Blättern in meinem alten Fotoalbum auf einen gefalteten Bogen einer scheinbar Jahrzehnte alten Zeitung. Sachte eingepackt in diesem Bogen fand ich deine Zeichnung. Das Papier ist bereits vergilbt und eingerissen. Die feinen Züge deines Kohlestiftes und der Farbkreiden sind nicht mehr annähernd so kräftig wie früher. Dennoch ist es einer meiner wertvollsten Besitztümer. Ich denke sehr oft an dich und den Tag vor 70 Jahren als wir mit meinen Schwestern im Garten vor dem Haus saßen. Du warst bekannt für dein künstlerisches Talent und ich konnte es kaum fassen als du dich trotz deiner sonst so strengen und militärisch geprägten Haltung locker auf die Holzbank neben uns niedergelassen, deinen Skizzenblock aus deiner Tasche geholt hattest und anfingst mich zu zeichnen. Ich blickte verlegen zu meiner Schwester, musste kurz lachen und versuchte dann ernst und erwachsen für dich zu posieren. Nach etwas mehr als dreißig Minuten war dein Werk vollendet und ich war verblüfft als ich keine ernste Frau auf dem Blatt Papier erkennen konnte, sondern ein verlegenes Mädchen, welches voll Freude zur Seite blickte und ein Lachen zu verstecken versuchte.

Uns verband keine Liebe, aber die wenigen Jahre, die du in Österreich stationiert warst und die vielen harten Arbeitstage, die du nach dem Krieg auf dem benachbarten Bauernhof verbringen musstest verbanden uns in Form einer tiefen Freundschaft. Ich werde nie das Strahlen auf deinem Gesicht vergessen als du uns berichtet hast nun endlich zu deiner Familie nach Frankreich heimkehren zu können. Wir wollten Kontakt halten, uns besuchen und unsere Sprachen lernen. Wir wollten diese zum Teil so schlimmen Nachkriegsjahre in guter Erinnerung behalten, wenigstens als eine Zeit, welche wir gemeinsam verbracht hatten. Und doch kam es anders. Wenige Wochen nach deiner Abreise erreichte uns die traurige Nachricht über den Absturz deines Flugzeuges in den französischen Alpen. Ich habe bittere Tränen geweint. Tagelang. Wochenlang. Monatelang.

Aber das Leben ging weiter und ich hätte vieles davon nur zu gerne mit dir geteilt. 70 Jahre später schreibe ich nun diese Zeilen und wische mir die ein oder andere alte Träne von der Wange. Dieser Brief wird in seiner physischen Form wohl nie sein Ziel erreichen, dennoch bin ich tief in mir davon überzeugt, dass du ihn lesen wirst.

Deine Friederike

(Inspiriert durch die Erzählungen meiner 90 jährigen Großmutter. Die Zeichnung gibt es wirklich. Sie hängt gerahmt in meiner Wohnung.)

© Noa_Thaller