Grellrot am Kopfsteinpflaster

Ich lasse mich langsam zurücksinken gegen die harte Lehne des alten Holzstuhls im Schulsekretariat. Das Warten macht diese ohnehin schon prekäre Situation noch viel schlimmer. Ich fühle die Blicke der ins Sekretariat kommenden Menschen. Was sie wohl über mich denken mögen? Erst als die Sekretariatshilfe aufsteht, von ihrem Schreibtisch hervorgeht und jemanden begrüßt werde ich aus meinen Gedanken gerissen und merke, dass sich meine Mutter im Raum befindet. Ich atme tief durch und suche ihren Blick. Sie scheint mich nicht wahrnehmen zu wollen und ich kann an ihrer steifen Körperhaltung erkennen, dass es ihr sehr unangenehm ist hier zu sein. Nun öffnet sich die Tür der Direktion und der Schulleiter begrüßt meine Mutter. Dann blickt er, ohne ein Wort zu sagen, auf mich herab und deutet mit seiner Hand in sein Büro. Ohne uns anzusehen folgen wir ihm und setzen uns vor dem Schreibtisch auf die zwei gepolsterten Stühle. Es folgt eine kurze Pause bis er sich schließlich mit seiner tiefen Stimme an meine Mutter wendet und sie über die Schwere dieses Vorfalls aufklärt. Die Polizei sei bereits informiert worden und man werde sich um eine volle Aufklärung bemühen. Sie nickt kurz, seufzt dabei und verschränkt ihre Arme. Er fährt fort, dass Homophobie an seiner Schule keinen Platz habe. Außerdem seien er und das gesamte Lehrerkollegium darum bemüht ein offenes und tolerantes Umfeld für die Schüler zu schaffen. Danach rät er meiner Mutter mich für ein paar Tage mit nach Hause zu nehmen. Es wäre wohl das Beste. Diese Worte hallen noch Minuten später durch meinen Kopf als wir bereits auf dem Schulflur in Richtung des Ausgangs gehen. Ich muss also die Schule verlassen. Ich.

Meine Mutter und ich haben nach wie vor kein Wort miteinander gewechselt. Ich kann kaum schritthalten als wir das Gebäude durch den Haupteingang verlassen und fühle, wie sich mein Magen zusammenzieht. Da ist es, auf dem kleinen Platz nur wenige Meter vor dem Schuleingang. Wir müssen direkt daran vorbei, um zum Parkplatz zu gelangen. Ich merke wie auch meine Mutter versucht es zu ignorieren aber schließlich findet ihr Blick dennoch die riesigen Letter aus noch feuchter grellroter Farbe auf dem Kopfsteinpflaster. Es ist mein vollständiger Name und direkt darunter prangert: Verrecke du schwules Schwein! Direkt daneben lagen heute Morgen noch etliche Flyer mit einem Foto von mir mit nacktem Oberkörper, abfotografiert aus einer Dating-App für Homosexuelle. Die Bilder wurden scheinbar entfernt nachdem die Lehrer es entdeckt hatten. War ich zu unvorsichtig? Hatte ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt als ich versuchte jemanden zu finden der so ist wie ich? Das ist jetzt wohl ohnehin egal, denn alle wissen es. Die Schüler. Die Lehrer. Meine Eltern.

Mittlerweile stehen wir vor dem Auto. Noch nie war mir meine Mutter mit einer solchen Kälte begegnet. Sie sieht mir weder in die Augen noch redet sie mit mir. Sie verhält sich als kenne sie mich nicht. Als wäre ich ein Fremder für sie.

© Noa_Thaller