Die Gärtnerin aus Liebe

Einst lebte ein junges Bauernmädchen, noch nicht zwanzig Jahre alt, in einem Dorf am Lande. Sie musste hart am Feld arbeiten. Die Eltern waren arme Leute, der Hof gab nur wenig her. Die Bauernarbeit war damals kraftraubende Handarbeit. Das Leben des Mädchens sollte eine entscheidende Wende nehmen. Sie ging ahnungslos zu Bett und erwachte aus einem Albtraum. Da lag sie regungslos am Rücken, wie angewurzelt.

Drei Tage später bewahrheitete sich der schaurige Traum. Er war grausame Wirklichkeit geworden. Qualvolle Schmerzen und Gefühllosigkeit empfand sie am ganzen Körper und die Sympthome verstärkten sich. Die Ärzte waren ratlos, auch im Krankenhaus wussten sie den Grund für die Lähmung nicht. Die Patientin wurde in ein anderes Krankenhaus verlegt, danach in eine Nervenklinik. Niemand wusste Rat.

Die schwere Krankheit dauerte zwei Jahre. Die Ärzte waren mit ihrem Latein am Ende und machten keine Hoffnung mehr. In ihrem Heimatdorf war das Mädchen tot gesagt. Selbst ihre eigene Familie hatte den Glauben an die Heilung fast aufgegeben. Es geschah auf unerklärliche Weise. Von einem Tag zum anderen verbesserte sich der Zustand des Mädchens. Neues Leben quoll in ihr auf, aus eigener Kraft wurde sie innerhalb weniger Tage wieder völlig gesund. Nach ihrer schweren Prüfung hatte sie dem weltlichen Leben entsagt und ging ins Kloster.

Das alles war vor sechzig Jahren geschehen.

Nun ist die Schwester über 80 Jahre alt und lebt hoch oben in den Bergen im Einklang mit den Jahreszeiten. Unentwegt müht sie sich ab für den alten Klostergarten in Maria Kirchenthal. Im Laufe ihres Lebens ist sie immer mehr zur Gärtnerin geworden und hatte sich dem stillen Geheimnis genähert. Ihre Leidenschaft wurzelt in der Sehnsucht nach dem Leben.

Hohe Tugenden verlangt das Gärtnern. Geduld und Vertrauen, vor allem Warten können. Schwer ist das auszuhalten. Glauben. Zweifel besiegen. Hoffen, trauern und sich freuen. Der Garten lehrt Leben.

Den ganzen Tag dient die Schwester dem Garten. Sie liebt ihren Garten wie eine junge Mutter ihr Neugeborenes, lebt ganz für ihn und gibt alles. Einfachheit ist ihr Geheimnis. Nur wenige Sorten sät sie aus. Ringelblumen, Bartnelken, Kapuzinerkresse. Zwei größere Beete sind für Gemüse und Salat reserviert. Stunden verbringt sie tagtäglich bei ihren Saatkisten.

Sie kümmert sich sorgsam um ihre Kinderstube, wie sie die gerade aufgegangen Samenkörner nennt. Es kommen nasskalte Apriltage, da sorgt sich die Gärtnerin sehr. Mit Zeitungen umwickelt sie die Blumentöpfe und versucht, die jungen Pflanzen vor der Kälte zu schützen. Üppig wächst das neue Leben. In den Pflanzschalen wird der Platz eng. Mit einem Pikierholz verpflanzt sie die Sämlinge in größere Töpfe oder setzt sie in ihre Beete und besitzt bald eine große Anzahl kräftiger Pflanzen. Wenn Pilger kommen, hat sie stets ein offenes Ohr und verschenkt all ihre Schätze in Überfülle. Und dennoch wird ihr Garten immer reicher.

Wie viel Liebe bringt sie in die Welt!

© Norbert Kopf