Die Liebelei

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Die Liebelei | story.one

Ein Kind wurde geboren!

Sein Leben entsprang einer Affaire. Seit gut einem Jahr hatten die Hebamme Maria Schneider und der Oberarzt Winter eine Liebelei. Beide arbeiteten auf der Geburtsstation eines Wiener Krankenhauses. Es hatte sich eine feurige Liebschaft entwickelt. Der Oberarzt ließ sich einmal wöchentlich gemeinsam mit Maria zum Nachtdienst einteilen. In den Stunden, als alle auf der Station verlässlich schliefen, vergnügten sich die beiden im Arztzimmer. Sie genossen ihr Liebesspiel und lebten verborgene Phantasien aus. In Ihrer Liebe konnten sie dieser Kraft freien Lauf lassen.

Das alles war streng geheim. Sie feierten lustvolle Höhepunkte und das Abenteuer war noch lange nicht ausgereizt. Aber es geschah, dass M. ihre Tage nicht bekam. Als sie sich ihrer Schwangerschaft sicher war, bedeutete es das Ende der Beziehung. Es war nicht ausgemacht, ein Kind in die Welt zu setzen.

Der Oberarzt Winter war in ein Doppelleben hineingerutscht. Er lebte abgesehen von dem wöchentlichen Nachtdienst in besten bürgerlichen Verhältnissen. Er war mit der Tochter eines Augenarztes vermählt, sie hatten drei Kinder und wohnten in einem schönen Haus in Grinzing. Niemand hätte dem Vater eine Liebelei zugetraut. Der Oberarzt wollte seinen Wohlstand nicht gefährden. Er zog sich aus der Affäre zurück, verzichtete auf die feurigen Liebesnächte und mied den Kontakt zu Maria. Nie hatten sie sich ausgesprochen. Nie hatten sie Abschied von einander genommen.

Maria wagte es nicht, den Oberarzt an seine Pflichten zu erinnern. Sie hörte im Krankenhaus auf und ging zurück in das kleine Dorf in Mähren, woher sie stammte. Dort kam Josef Schneider am 29. August 1891 zur Welt. Es war eine leichte Geburt, so unbeschwert, wie auch die Liebe zwischen Maria und dem Oberarzt Winter immer war.

Vom Oberarzt Winter hörte sie nie mehr etwas. Er hatte sich nicht zur Vaterschaft bekannt und nie einen Kreuzer für seinen Sohn bezahlt. In der Geburtsurkunde von Josef stand die Anmerkung: „Vaterschaft unbekannt“. Maria hütete das Geheimnis.

Von Josefs Kindheit ist wenig bekannt. Er wuchs ohne Vater auf. Auch seine Mutter Maria war als Landhebamme immer viel unterwegs in den umliegenden Dörfern. Zu Hause war sie oft müde und es fehlte ihr die Kraft, Josef bei den Schulaufgaben zu helfen und ihm eine Struktur für sein Leben zu erlernen. Der Rückhalt fehlte dem Jungen. Es mag schrecklich schwer klingen, dass ein Kind ohne Zuwendung beider Eltern aufwuchs.

Es war anders. Als Kind der Liebe fehlten ihm die Eltern nicht wirklich. Als Jugendlicher war er früh selbständig. Er sah gut aus und tat sich leicht. Es zog sich wie ein roter Faden durch sein Leben, dass er immer das tat, was ihm Freude bereitete. Er hatte es nie gelernt, Verantwortung zu übernehmen.

Von seinem Vater hatte er die Stärke und die kreative Kraft geerbt. Josef hatte Zeit seines Lebens immer blendende Ideen, lachte viel und gern.

Und so wurde Josef Schneider, mein Großvater, ein Künstler.

© Norbert Kopf 15.04.2019