"FLUCHT" - mein Vater als Zeitzeuge

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"FLUCHT" - mein Vater als Zeitzeuge | story.one

Am 5. Mai 1945 - drei Tage vor dem offiziellen Kriegsende - desertierte ich zusammen mit zwei Kameraden. Davor mussten wir Flugzettel einsammeln, die die Amerikaner millionenfach aus der Luft abgeworfen hatten. Sie waren schon in München. Das Lesen war verboten. Der Krieg ging dem Ende zu.

Wir drei Siebzehnjährigen beschlossen, uns in der Nacht davon zu machen, in Uniform mit Gewehr und Rucksack, der eine Wasserflasche, eine eiserne Ration und eine Dose Schweineschmalz enthielt. Ein Bauer gab uns Brot. Er hielt uns tags darauf in seinem Stall versteckt. Der Pepi, der Franz und ich, wir zogen nächtens weiter. Beim Bahnhof von Kundl informierte uns der Bahnhofsvorsteher über einen Zug um sechs Uhr früh. Wir warteten. Immer mehr Menschen strömten zum Gleis. Als der Zug einfuhr, stürmten alle gleichzeitig in die übervollen Waggons.

Erschöpft standen wir im Gang, eng aneinander gedrückt mit anderen Flüchtenden. Die Knie schlotterten mir vor Angst, von der SS erwischt zu werden.

In Wörgl wurde es noch kritischer. Die letzten drei Waggons des Zuges wurden abgehängt und alle Insassen, auch wir drei, versuchten verzweifelt, einen Platz in einem der vorderen Waggons zu ergattern. Ich kletterte über ein Fenster in den Zug hinein. Den Pepi haben wir in diesem Tumult verloren.

Da geschah ein glücklicher Zufall, ja ein Wunder! Ein Blick aus dem Fenster. Das kann doch nicht wahr sein? Ich rieb mir die Augen und erkannte plötzlich meinen Vater.

Ich drängte mich vor und schrie aus Leibeskräften: „Karl, Karl!“

Der Vater, der als Zugbegleiter in einem der letzten Züge nach Salzburg seinen Dienst tat, antwortete mir: „Jo, Bua, komm her, mei Bua!“

Dies sollte meine Rettung werden. Ich kletterte wieder aus dem Zugsfenster, hin zum Vater, der Franz hinterher.

Papa versteckte uns im Gepäckswagen. Der war voll mit Kriegsflüchtlingen. In Hochfilzen kontrollierten SS-Männer, aber der Papa ließ sie nicht in den Waggon hinein.

Mehrfach musste der Zug länger anhalten, da die Gleise unterbrochen waren. Am Tag zuvor war der letzte Bombenangriff gewesen und der Salzburger Bahnhof wurde getroffen. So endete der Zug in Aigen. Ich marschierte zu Fuß nach Hause.

Meine Mutter nahm mich in den Arm. Wir weinten vor Freude. Am Abend kam der Vater vom Dienst und wir feierten unser Glück. Für mich war der Krieg vorbei. Zwei Tage verließ ich das Haus nicht mehr. Es herrschte Ausgangssperre. Dann sind die amerikanischen Soldaten einmarschiert. Sie verschenkten Zigaretten, die Kinder bekamen Schokolade.

Ich widme diese Geschichte dem Pepi. Er, den wir auf unserer Flucht in Wörgl verloren hatten, ist nie wieder aufgetaucht. Er galt lange Zeit als vermisst. Wir waren die letzten, mit denen er Kontakt gehabt hatte. Die genauen Umstände, was und wie es geschehen ist, kamen nie ans Tageslicht. Wahrscheinlich ist er in Hochfilzen von übereifrigen Soldaten erwischt worden und mit Deserteuren machte man kurzen Prozess. Zwei Tage vor Kriegsende hat es den Pepi erwischt.

© Norbert Kopf 11.05.2019